Kulinarisches ABC von Tanja Dückers

Berliner Tagesspiegel, 3. April 2022

 

AALENER SPIONLE

Das ist eine Schokoladen-Makronen-Spezialität aus dem Schwäbischen, eine Art hübsch eingepackte Riesenpraline. Eine reicht! Mein Mann stammt aus Aalen, so habe ich die berühmten Spionle kennengelernt.Das gehaltvolle Gebäck wird seit 1927 von der Konditorei Ammann hergestellt. Nur dort, am Marktplatz! Inzwischen hat die Konditorei auch einen Onlineshop, aber ich erhalte verlässlich Spionle-Nachschub von meinen Schwägerinnen.

 

BUDDENBROOKS

Sieben Jahre lang habe ich im Nordkolleg Rendsburg an der „Thomas Mann-Lesenacht“ als Vortragende mitgewirkt. Für die Gäste gab’s zwischen den Leseblöcken immer Speisen aus dem jeweiligen Werk. Thomas Mann hat ja seitenlang über einzelne Gerichte geschrieben. Als wir aus den „Buddenbrooks“ vortrugen, gab es zum Abschluss Plettenpudding. Für den Plettenpudding wird Biskuit, eine luftige Himbeer-Ganache und Sahne geschichtet. Ich hab’s selber auch mal nachgemacht  – ist mir nicht ganz geglückt so wie in den „Buddenbrooks“ beschrieben, aber ich habe mich sagen wir mal angenähert.

 

CHUNCHO

Das ist die älteste Kakaosorte der Welt. Sie ist nur noch selten zu finden und wächst hauptsächlich in Peru, in einem abgelegenen Tal, seit Tausenden von Jahren. Chuncho wirft nicht so viel ab wie die unempfindlichen Hochleistungskakaosorten, hat aber ein kräftiges Aroma. Wir verwenden Chuncho-Anteile für unsere Tafeln nicht nur wegen des Gerschmacks, sondern auch um die botanische Vielfalt zu erhalten. Und wegen der Menschen, die nicht am großen globalen Handel beteiligt sind. Die Gegend dort ist gefährlich, es wird auch Coca angebaut, für Kokain, das ist einträglicher als Kakao. Wir kooperieren mit einer Initiative, die mittels besserer Bezahlung versucht, die Bauern davon zu überzeugen, sich für Kakao entscheiden.

 

DOLOMITI EIS

Damit bin ich in den 70er Jahren aufgewachsen, das hab‘ ich geliebt: die Form der Dolomiten, die Farben Italiens! Heute wird mir ein bisschen anders bei den ganzen Farbstoffen, dieses Quietschgrün, der künstliche Geschmack. Aber manchmal denke ich fast mit Sehnsucht an die Zeit zurück, in der man noch nicht akribisch die Verpackung studiert, sondern einfach so genossen hat. Diese Unschuld hat man definitiv verloren.

 

ESKAPISMUS, KULINARISCHER In den dunklen Monaten und auch Momenten ist Essen eine Form von Eskapismus, die relativ leicht zu finden ist. Man braucht keine Ferien hierfür, keine Reise, nicht unbedingt schrecklich viel Geld, und keinen anderen Menschen dafür. Eine gute handgemachte Praline zwischen (stressiger) Textabgabe und (deprimierenden) Nachrichten zum Beispiel ist ein ebenso ästhetisches wie leckeres Fluchtvehikel, an dem man sich sehr intensiv erfreuen kann. Allerdings nicht unbegrenzt.

 

FEIGEN

Ich bin ein Fan von Walter Benjamin. „Frische Feigen“ heißt einer seiner Texte, in dem es darum geht, nicht immer Maß zu halten. Während Mörike und viele andere darüber geschrieben hatten, sich bloß nicht der bösen amoralischen Völlerei hinzugeben, berichtet Benjamin, wie er in einem italienischen Dorf ein Pfund Feigen kaufte, auf die Hand, weil er kein Gefäß mitgebracht hatte. Die musste er schnell essen, um seine Hände wieder gebrauchen zu können. Er erzählt, wie er seinen Mund in diesen Feigen badete, wälzte, wie ihm das irgendwann zu viel wurde, aber er musste die Früchte ja vernaschen, vernichten: „Der Biss hatte seinen ältesten Willen wiedergefunden.“

 

GETREIDEKAFFEE (mit Milch)

Mit Kaffeetrinkern verbinde ich einen eher vorwärtsgewandten, aktionistischen Menschentyp, der morgens tatendurstig aufspringt, der Welt seinen Stempel aufdrücken möchte. Kaffee hat etwas unangenehm Appelatives: Mach was! Tu was! Getreidekaffeetrinker wie ich werden hingegen nicht brüsk aus der Schlummerwelt ans Tageslicht befördert. Sie starten den Tag gemütlicher und sind nicht gleich so schrecklich munter. So kann ich den Tag sogar damit beginnen, mir den Traum, den ich gerade noch hatte, zu notieren.

 

HUNGER

Mich hat immer interessiert, wie in der Literatur über Essen geschrieben wird. Gutbürgerliche Autoren wie Thomas Mann haben ausladende Festmahle beschrieben, aber das Thema Nummer eins in der Literatur ist nicht das Essen, sondern die Sehnsucht nach Essen, von Grimmelshausen, über Knut Hamsun, Kafka und Brecht bis zu Bölls Kriegstagbüchern. In seinem Roman „Marija“ schreibt Ulas Samchuk (1905-1987) über den Holodomor.

 

INGWER

In meiner Kindheit galt er noch als großmütterlich, es freut mich, dass er ein Comeback feiert. Für mich ist er ein sanfter Wachmacher. Wenn ich abends am Schreibtisch sitze und denke: Ach, jetzt willst Du das doch noch zu Ende bringen, morgen hast Du die Idee vergessen, dann esse ich etwas mit Ingwer, eine Quarkspeise zum Beispiel mit Ingwerstückchen und Kakaonibs, das hat einen belebenden Effekt. Ich gebe Ingwer an vieles, in den Getreidekaffee etwa, auch an grünen Salat. Nicht viel, aber er gibt eine kleine – süßliche – Schärfe, die anders ist als die vom Pfeffer und Süßmäulern entgegenkommt.

 

JOSTY

Ich liebe Cafés und habe mich viel mit der Berliner Kaffeehauswelt der Vergangenheit beschäftigt. Das Josty befand sich am Potsdamer Platz, war in den 20er Jahren ein wichtiger Treffpunkt für Kulturschaffende . Cafés hatten eine andere Bedeutung damals, waren Wohn und Arbeitszimmer, manchmal auch Schlafgemach für die oft mittellosen Gäste. Erich Kästner hat im Josty Teile von „Emil und die Detektive“ geschrieben. Doch nicht nur die Literatur wurde dort befördert: Die Brüder Josty haben die Berliner Weiße erfunden.

 

KONTAKT

Ich finde es faszinierend, wie man über die Kulinarik mit Menschen ins Gespräch kommen kann. So ging es mir mit Trumpanhängern im Mittleren Westen; dort lehre ich immer mal wieder German Studies  / Germanistik. Mit meinem Interesse für Candies konnte ich mit den seltsamsten Leute eine Gemeinsamkeit finden. Ich kam den Leuten nahe bei diesen nicht missionsgetriebenen Gesprächen über Ernährungsvorlieben. Das ist für Romanrechechen nützlich. Viele verbinden mit Süßspeisen Erinnerungen an die Kindheit – welchen Pudding ihre Mutter gemacht hat, zum Beispiel.  Und dann erzählen sie.

 

LAKRITZ

Bei mir vergeht kein Tag ohne. Am liebsten mag ich isländisches Lakritz (Freyja Lakkris), die niederländischen „Droptoppers – Zacht & Zoet“, mit denen mich meine geschätzte Kollegin Annemieke Hendriks immer fürsorglich aus Amsterdam versorgt, ferner die herrlichen, bunten Schokolakritz-Kugeln von Bülow. Überhaupt die Kombi aus Lakritz und Schokolade wie auch in unserer Sorte „Weißensee“. Eine tolle Auswahl hat hier in Berlin bei kadó in Kreuzberg, leider nur noch online. – Wenn man verhindern will, zu viel zwischendurch zu essen, ist Lakritz praktisch: Davon schafft man nur kleine Mengen. Und es hilft bei Husten. Wirklich.

 

MARSHMALLOW

Die Entstehungsgeschichte ist schön absurd. Im 19. Jahrhundert wurde ein Klebstoff aus einer Sumpfpflanze entwickelt, nur hat der nicht so wahnsinnig gut geklebt, aber umso besser geschmeckt. So wurde der Marshmallow zufällig entdeckt. Marsh heißt Sumpf. In amerikanischen Supermärkten kann man Kakaopulver mit Marshmallowstückchen kaufen, Ich mag diese kleinen halbflüssigen Inseln im heißen Kakao, diese Sekunden-Landkarten, die da entstehen.

 

NIBS

Diese zerkleinerten Kakaobohnen geben einer Schokolade eine zusätzliche Textur, etwas zum Beißen, etwas Widerständiges. Wer nicht Sport zum Aggressionsabbau mag oder in ein Kissen hauen möchte, kann es ja mal mit Nibs probieren. Man kann lange auf den Nibs rumkauen, ich brösle sie auch auf Desserts. Und dann kaue und kaue und entspanne ich mich.

 

OHDE

Die Manufaktur Ohde aus Rixdorf, Neukölln, macht wunderbares Marzipan.  Inhaber ist ein als Kind nach Deutschland übersiedelter Iraner, der persisches Marzipan (Marzipan wurde schon im 8. Jahrhundert in Persien hergestellt) noch aus seiner Heimat kannte und in Deutschland mit der hiesigen großen Marzipantradition „fusionierte“. Schön gestaltete, edle Verpackungen.

 

PUMPERNICKEL
Meine Mutter kommt aus dem Westfälischen, in Münster hat sie meinen Vater kennengelernt, dort haben beide Kunstgeschichte studiert. So gehört für mich Pumpernickel zu unserer Familie. Es ist völlig frei von kulinarischen Trendvereinnahmungen, herrlich tantig. Mit Apfelkraut oder Birnensirup ist es besonders lecker. Das Wort spricht sich auch schön aus, es pumpert im Mund.

 

QUITTENPASTETE

Die Quitte ist die Hinterbänklerin unter den Früchten, roh nicht genießbar, nicht oft im Angebot zu finden, verstaubt vom “Image“, doch einzigartig im Geschmack. Meine Schwiegermutter hat uns lange mit Quittengelee versorgt. In Jan Wagners Lyrikband „Achtzehn Pasteten“ gibt es ein Gedicht mit dem Titel „Quittenpastete“, das mit den Zeilen endet: „Das Gelee in bauchigen Gläsern/ für die dunklen Tage in Regalen aufgereiht./ In einem Keller von Tagen,/wo sie leuchteten, leuchten“. Das finde ich sehr schön.

 

RUSSISCH BROT

Dieses knackige Gebäck, ohne Fett in Form von Buchstaben gebacken, Das habe ich seit meiner Kindheit gern. Angeblich stammt es aus St. Petersburg, ein Dresdener Bäcker hat das Rezept in seine Heimat mitgenommen. Als Kind habe ich Unsinnsworte gelegt, Blödsinn gemacht. Meinem Sohn macht das jetzt genauso. Oft sind die Buchstaben zerbrochen, dann kann man sie neu zusammensetzen und geheime Worte entwickeln. Jetzt, in kriegerischen Zeiten, weist das Russisch Brot auf die vielen kulinarischen Verbindungen zwischen den Ländern hin.

 

SPIELZONE

Mein erster Roman (1999) hieß „Spielzone“, darin werden viele Süßigkeiten gegessen. Das war mir überhaupt nicht aufgefallen, doch einige Leser machten mich darauf aufmerksam. Es steckte nichts Symbolisches, kein Abgesang auf das Abendland dahinter, wie manche vermuteten. Nicht einmal Konsumkritik. Was man auch tut – es fließt unbewusst immer mit hinein in die Texte.

 

TAUSENDUNDEINE NACHT

Ich koche und backe sehr gern, man kann experimentieren wie beim Schreiben. Auch an die Orientalische Küche habe ich mich herangetastet. Es gibt viele Gerichte, die sich „Tausendundeine Nacht“ nennen, meist mit Olivenöl, Datteln, Hasel Hanout, Kurkuma, Rosinen, Karotten, Curry, Reis… Es gefällt mir, dass und wie sich die Speisen auf eine fiktive Geschichte beziehen und sie ihrereseits phantasievoll weiterspinnen.

 

UNTERZUCKERT

Ein Zustand, den man tunlichst vermeiden sollte. Heute hat Zucker bei uns eine negative Konnotation, dabei wird Zucker für alle möglichen Stoffwechselvorgänge, auch im Gehirn, benötigt. Am liebsten ist den kleinen Grauen da oben der Einfachzucker Glucose, wie er in zuckerhaltigen Speisen und in Früchten vorhanden ist. Sie verschlingen rund 75 Prozent der aufgenommenen Glucose. Mit einem Riegelchen Schokolade auf dem Schreibtisch kann ich abends besser arbeiten. Es darf auch ein zweites sein.

 

VANILLE

An der Vanille kann man sehr gut unsere Abhängigkeit von globalen Märkten ablesen, der Preis hat sich in den letzten fünf Jahren verzehnfacht. Das wirft für mich die Frage auf: Wie gehen wir mit Lebensmitteln um, die einmal Luxusprodukte waren – und es vielleicht wieder sein sollten. Vanilleeis gibt’s heute überall – aber vielleicht sollte man sich Vanille für besondere Anlässe aufsparen?

 

WALTER BENJAMIN

In „Berliner Kindheit um 1900“, das Benjamin im Exil geschrieben hat,  gefällt mir  ein Kapitel über die elterliche Speisekammer besonders gut. Darin beschreibt er, wie er sich als Kind dort nachts an Süßem heimlich bedient und sich wie im Schlaraffenland fühlt. Einen Löffel Marmelade beschreibt er als himmlischen Genuss. Wenn in der Literatur Essen vorkommt, geht es meist eher um den Mangel: Hungern ist ein wiederkehrender Topos. Benjamin musste im Exil auch darben. Daher erinnert er sich umso intensiver an das sorglose Essen seiner Kindheit. Die Kindheit ist ein Ort, der nicht zerstört werden kann, die Erinnerung kann einem niemand nehmen.

 

XYLIT

Klingt wie ein seltener Stein, aber so wird ein aus der Rinde von Birken gewonnener Zuckeraustsauschstoff (Birkenzucker) genannt, der sich praktisch nicht auf den Blutzuckerspiegel auswirkt. Vor Karies schützt Xylit auch. Bei Süßspeisen war ich wegen der Konsistenz nicht so begeistert. Aber bei allen, wo er gewissermaßen verschwindet, bei Salatsaucen oder herzhaften Speisen, funktioniert er gut, ist allerdings nicht billig.

 

YUZUFRUCHT

Eine interessante Alternative zur Zitrone, eine Mischung aus Limette und Mandarine mit leicht bitterer Note. Aus der asiatischen Küche ist die Yuzufrucht gar nicht wegzudenken. Ich bin ihr im Café Komine begegnet, dieser herrlichen Schöneberger Konditorei mit französisch-japanischer Patisseriekunst. Eine Augenweide.

 

ZARTBITTER

Mit den Kakaoprozenten jonglieren Connaisseure ja wie Weinkenner mit ihren Prozenten. Zartbitter hat einen Kakaogehalt von 50 bis 70 Prozent, diese mittlere Range ist die gemäßigte Klimazone unter den Schokoladen, in der ich mich besonders wohl fühle. Man hat noch einen gewissen weichen Schmelz, dieses leicht Pralinige, und dabei das größte Aromenspektrum. Die zartbittere Schokolade beherrscht andere Geschmäcker nicht, ist grunddemokratisch eingestellt. Der Purismus der 80- und drüberprozentigen hat etwas ebenso Kärgliches wie Autoritäres.

 


Tanja Dückers im Gespräch


Ich habe schon immer ein Faible für Schokolade gehabt

Berliner Morgenpost, 2. Januar 2022
Interview mit Tanja Dückers über ihr neues Buch „Das süße Berlin“, über Schokolade, Berlin und aktuelle Politik

Das Interview führt Christine Richter, Chefredakteurin der Berliner Morgenpost

(die lange Version hiervon findet sich im Podcast der Berliner Morgenpost „Richter und Denker“)

 

Das neueste Buch der Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers dreht sich um das, was süß und lecker ist – um Cafés, Konfiserien und  Chocolaterien in Berlin. Über „das süße Berlin“, ihre eigene Schokolade und neue Buchprojekte hat Tanja Dückers im Podcast „Richter und Denker“ mit Chefredakteurin Christine Richter gesprochen. Ein Auszug aus dem Podcast, der in voller Länge zu finden ist unter www.morgenpost.de/podcast.

Berliner Morgenpost: Frau Dückers, Sie haben ein neues Buch veröffentlicht – „Das süße Berlin“. Was hat es damit auf sich?

Tanja Dückers: Das süße Berlin, das ist ein Kompendium vieler schöner, süßer, leckerer, köstlicher Orte in Berlin. Manufakturen, Cafés, Eisdielen – eben vieler süßer Orte, sortiert nach Stadtteilen Ost und West, Nord und Süd, Mitte und Peripherie. Ich hätte noch viel mehr schöne, süße Orte aufnehmen können. Es ist mir richtig schwer gefallen, eine Auswahl zu treffen, aber dann habe ich wirklich ein Best of gemacht, und ich glaube, es ist für jeden etwas dabei.

Sie haben eine besondere Verbindung zur Schokolade. Das weiß nicht jeder, weil wir Sie ja als Autorin, als Schriftstellerin kennen.

Das ist tatsächlich so. Ich habe schon immer, wie man so sagt, einen süßen Zahn gehabt. Ich erinnere mich noch: Zu meinem 18. Geburtstag habe ich zu einem großen Schokoladen-Brunch eingeladen. Meine gleichaltrigen Freundinnen haben damals eher zu Besäufnissen eingeladen, aber bei mir war es dann ein gepflegter Schoko-Brunch an einem Sonntagmittag. Ich habe schon damals auch in West-Berlin, wo ich aufgewachsen bin, Orte wie Erich Hamann – Bittere Schokoladen oder Sawade, Berlins älteste Pralinenmanufaktur, aufgesucht. Das waren für mich schon immer besondere Orte, dort konnte ich mich dann gelegentlich  von dem knappen Taschengeld mal belohnen – etwa nach einer fiesen Mathearbeit.

Beim Brunch war dann aber allen schlecht, oder?

Alle schienen wirklich etwas überzuckert am Ende. Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter irgendwann Buletten und Kartoffelsalat brachte und meinte: Jetzt muss es auch mal was anderes geben. Da haben sich dann sehr viele der Gäste,  insbesondere die jungen Männer, auf diese Sachen gestürzt.

Hatten Sie schon immer ein Faible für Schokolade?

Ja, ich habe schon immer ein Faible für Schokolade gehabt und auch bei Lesereisen in anderen Ländern immer geschaut, was gibt es da für interessante Manufakturen? Ich war zum Beispiel in Minsk, in Belarus in einer über 100 Jahre alten Schokoladen-Manufaktur namens Komunarska.  Und dann habe ich mir vor einigen Jahren einen kleinen Traum erfüllt und meine eigene kleine Schokoladen-Edition ins Leben gerufen. Preußisch süß, Berliner Stadtteil-Schokolade. Ich habe hierbei versucht, mir für die einzelnen Stadtteile den jeweils treffenden, passenden Geschmack überlegt: Wie schmeckt Kreuzberg? Wie könnte Zehlendorf schmecken oder Schöneberg?

Und, wie schmeckt Kreuzberg?

Bei Kreuzberg sage ich immer, das schmeckt wie ein Fladenbrot in Schokolade. Ich habe mich inspirieren lassen von der kulinarischen Vielfalt dort. So sind Schwarzkümmel, Sesam, Ingwer die Bestandteile der Schokolade.. Kreuzberg ist wirklich eine meine Lieblings Sorten. Und für Kreuzberg habe ich auch den Preis „Die süße Schnecke“ erhalten, der vom Verein Slow Food mit der Berliner Markthalle Neun zusammen verliehen wird – für das beste Naschwerk des Jahres in der Region Berlin / Brandenburg. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Bei Preussisch süß habe ich den  Anspruch, nicht nur einen witzigen, treffenden Geschmack zu entwickeln, bei dem man denkt: Ohja,  Wedding-Schokolade mit Bier-Note! Nein, die Schokolade muss nicht nur originell, sondern wirklich gut und rund schmecken – über das einmalige Geschmackserlebnis hinaus. Es muss wirklich eine qualitativ gute Schokolade sein. Das ist mir wichtig, und ich habe mit einem Chocolatier sehr lange daran gearbeitet. Ein gutes Gedicht, eine Geschichte zu schreiben ist nicht mehr Arbeit als eine neue Rezeptur zu entwickeln. Ich habe sehr viel Respekt vor dem kulinarischen Handwerk entwickelt. Auch was in Bäckereien und Konditoreien hergestellt wird, kann hohe Kunst sein.

Wie schmeckt denn Marzahn?

Marzahn, muss ich ehrlich zugeben, haben wir noch nicht.

Dann ein anderer Stadtteil: Wie schmeckt Steglitz?

Da habe ich ein paar verrückte Sachen drin für architektonische Besonderheiten wie den Bierpinsel oder den Steglitzer Kreisel. Ich habe daher bunte Elemente  für die Dekoration verwendet,  aber für die Schokolade selber eine eher bürgerlich-gediegene Komposition gewählt, weil ich an die Altbauten mit den Bücherregalen, die schönen Buchhandlungen, die es dort gibt, gedacht habe. Ich habe bei anderen Stadtteilschokoladen radikalere Geschmacksknospen. Friedrichshain oder Lichtenberg sind ein bisschen fordernder als Steglitz oder Grunewald. Bei Mitte habe ich  für die Selbstoptimierer und Leistungsträger Aufwach- und Kurzschläfer-Schokolade mit Kaffee und Chili gewählt. Dann gibt es auch relaxtere Sorten – kindgerecht mit Vanille und Mandeln im Prenzlauer Berg,  in Tempelhof gibt es natürlich Rosinen für die Luftbrücke. Ich verwende meistens vier, fünf, sechs verschiedene Ingredienzen, und nicht immer klappt die Gesamtkomposition auf Anhieb. In Tempelhof haben wir viel probiert und dann mit Waldmeister noch eine gute Komposition für das Gartenzwergig-Verschrobene des Stadtteils gefunden. Aber das ist richtig Arbeit, Gehirn und Gaumen müssen angesprochen werden bei den Kunden.

Sie haben viel Arbeit in Ihre Schokoladen gesteckt, sich dann ein Manufaktur in Brandenburg gesucht – und dann ganz schön viel Ärger. Ist jetzt alles wieder gut?

Was mich sehr freut ist, dass ich inzwischen eine kleine Berliner Manufaktur gefunden habe, die jetzt wieder meine Schokoladen so macht, wie ich mir das wünsche. Es war natürlich eine große Enttäuschung, dass die andere Manufaktur in Brandenburg mir die Zusammenarbeit plötzlich aufgekündigt hat, um unmittelbar danach ein sehr ähnliches Produkt auf den Markt zu bringen . Aber ich versuche jetzt, mich auf die Zukunft und die neuen Sorten, die ich kreieren will, zu konzentrieren.

Sie konnten Ihre Stadteil-Schokolade „Preußisch süß“ auch nicht schützen, weder den Titel noch das Cover.

Das ist tatsächlich sehr schwer, und der Grundgedanke ist auch durchaus verständlich, denn wer hätte etwa ein Patent an  Spaghetti Carbonara? Rezepturen sind nicht zu schützen, viele halten sie deshalb geheim. Coca Cola macht das bis heute so. Auch die Konditorei Buchwald in Berlin, die diesen wunderbaren Baumkuchen seit 1852 macht, hat ein Familienrezept, das nicht preisgegeben wird. Aber wenn ich als Schriftstellerin hochwertige Schokolade kreiere, da brauche ich eine Manufaktur. Ich habe meine Ideen und Rezepturen aus der Hand geben müssen – und dann sind sie nicht mehr geheim.

Konnten Sie sich denn mit der anderen Manufaktur verständigen?

Das ist sehr schwierig. Das Urheberrecht ist ein komplexes Feld, und ich versuche mich jetzt einfach nicht weiter zu ärgern. Es ist wie gesagt auch nicht so einfach, Ideen wie zum Beispiel „Berliner Stadteil-Schokolade“ zu schützen. Ich komme aus dem Literaturbetrieb – und habe gemerkt, dass jenseits der gewissen Blase des Literaturbetriebs ein anderer Wind weht, Dreistigkeit nicht selten ist. Freundinnen und Freunde aus anderen Branchen haben mir berichtet, dass häufig ohne Anwalt gar nichts geht. Das bin ich nicht so gewöhnt. Ich wurde deshalb schon als Romantikerin und als Gutmensch bezeichnet.

Eine Berliner Manufaktur stellt jetzt wieder Ihre Schokolade her. Haben Sie Ihre Kunden halten können?

Größtenteils schon. Es sind auch viele neue dazugekommen. Das freut mich natürlich sehr, und ich erhalte ständig Vorschläge für neue Sorten . Dann heißt es, machen Sie doch mal eine Stadtteilschokolade für Kaulsdorf! Wilhelmsruh habe ich entwickelt, weil ich so darum gebeten wurde.

Sie haben in Ihrem Buch „Das süße Berlin“ auch Ihrer Familie gedankt, die in den Cafés die Schokoladen gekostet hat. Wie viele Kilos sind denn bei Ihnen allen drauf gekommen?

Tja, ich habe für dieses Buch über zwei Jahre recherchiert. Dünner wird man bei so etwas nicht. Unser Sohn ist schlank und rank, der spielt aber auch viel Fußball. Nach dem Buch ist auf jeden Fall bei den Erwachsenen wieder mehr Sport und weniger Kuchen angesagt.

Sie haben zwei Jahre an dem Buch gearbeitet, so lange dauert fast auch schon die Corona-Pandemie. Wie ist es Ihnen als Schriftstellerin in den letzten Monaten ergangen?

Ich habe erlebt bei der Recherche  für dieses Buch, dass einige wunderschöne Cafés geschlossen wurden. Ansonsten hatte ich wiederum großes Glück, denn Pralinen-Geschäfte, Konfiserien oder Cafés konnten in Berlin während der Lockdowns geöffnet bleiben – wie ja auch Buchhandlungen. Törtchen sind also systemrelevant, und das war für mich ein großes Glück: Aber einige schöne, wirklich tolle Cafés, sind insolvent gegangen. Da hatte ich die Inhaber schon interviewt, Portraits geschrieben. Es war viel Arbeit, die ich umsonst geleistet habe.

Welche Auswirkungen hatte Corona auf Ihre Arbeit noch?

Es sind sehr viele Lesereisen ausgefallen. Ich sollte eigentlich wieder in den USA lehren. Es gibt Stipendien in den USA, die mit einem Lehrauftrag verbunden sind. Man arbeitet an einem Werk weiter, und die Uni, die einen einlädt, erwartet als Gegenleistung, dass man einen Kurs unterrichtet. Ich mache das regelmäßig in den USA und sehr gerne. Das Thema meines Kurses ist meist „Literatur aus Berlin, von Fontane bis zur Gegenwart“. Die Gegenwart schreibt sich natürlich immer weiter fort. Daher kann ich mit den Studierenden auch aktuelle Bücher, Themen diskutieren.

Wo unterrichten Sie in den USA?

An vielen verschiedenen Orten. Ich war oft in Neuengland, aber auch im Mittleren Westen oder in Kalifornien. In diesem Herbst wäre es Wisconsin, Madison gewesen. Die Universität liegt zwei Stunden von Chicago entfernt und besitzt die größte germanistische Fakultät in den USA. German Studies, Germanistik, ist in den USA ein Orchideen-Fach, aber die Studierenden, die sich dafür entscheiden, sind meist Feuer und Flamme. Die waren oft schon mal ein Jahr in Deutschland, interessieren sich wirklich für die Materie und sind unglaublich fleißig. Mit denen lese ich dann Walter Benjamin und Fallada oder ganz neue Texte. Das macht immer viel Spaß.

Spielt das Thema Pandemie auch in Ihrem literarischen Werk, in Ihrer schriftstellerischen Arbeit eine Rolle?

Bisher nicht, weil ich mich davor gescheut habe, absolut tagesaktuelle Themen aufzugreifen. Das kann etwas Sensationshungriges haben, man versucht nolens volens, einen Trend zu bedienen. Meine Vorstellung von Literatur ist eine andere. Als Schriftstellerin arbeitet man jahrelang an einem Roman, und da will und kann ich nicht der Tagespolitik hinterher schreiben. Es gibt aber Autoren und Autorinnen, die so arbeiten und das auch gut machen. Ich will mich nicht darüber erheben, es ist nur nicht mein Stil. Aber ich könnte mir vorstellen, so wie ich mich kenne als “langsamen Brüter“, dass ich später einmal etwas schreibe über diese Zeit. Im Moment arbeite ich an einem Roman, der sich mit dem Aufstieg Trumps im Mittleren Westen beschäftigt. Da war ich ja sehr viel, auch schon als Schülerin. Das ist ein Thema, das mich interessiert. Ich schreibe eigentlich eher über die Vergangenheit.

Ist es ein Roman mit dem realen Trump?

Es geht um den Aufstieg des realen Trumps, aber eigentlich um die amerikanische Gesellschaft, um die Spaltung der Gesellschaft. Die habe ich in den USA sehr mitbekommen. Mich interessiert das soziologische Fundament für solche Entwicklungen. Das finde ich wirklich spannend. Aber ich muss nicht sofort über das schreiben, was jetzt heute in der Tagesschau ist.

Und glauben Sie, Donald Trump kommt noch mal wieder?

Nein, das glaube ich nicht. Ich schätze, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner jemand Jüngeres wählen werden. Ich glaube nicht, dass Donald Trump noch mal aufgestellt wird, aber er wird noch versuchen, viel zu stören.


Kunst ohne Risiko gibt es nicht

Politik & Kultur, Ausgabe Nr. 12/2021- 01/2022
„Kunst ohne Risiko gibt es nicht“.
Interview mit Tanja Dückers, geführt von Ludwig Greven, über die kulturpolitischen Erwartungen an die neue Regierung, an Kultur in Pandemiezeiten, an das Frau-Sein in der Kunstwelt und weitere Themen


Portraits / Fragebogen

Postschöpferische Werksreflektion

(Berlin, 2017)

Jungle World, Nr. 51

(Berlin, 2013)

Was ich mich schon immer fragen wollte – Schriftsteller im Selbstgespräch

(Bern, 2008) (doc)

18 Fragen an die Autorin

(Neue Promenade, Nr. 17, 2005) (pdf)

Fragen, die das Leben stellt

(verdi, April 2003 – Fragebogen) (pdf)

Die Schriftstellerei als Traumberuf

(Märkische Oderzeitung, 5.-6. April 2003 – Portrait) (pdf)

Tanja Dückers – eine sinnliche Geschichtsschreiberin

(titel online – Magazin für Literatur und Film, 31. März 2003 – Portrait) (pdf)

Wort für Wort, Beruf: Schriftstellerin

(work in progress, November 2002 – Portrait) (pdf)

StadtGestalten: Die Berliner Erzählerin Tanja Dückers

(Berliner Zeitung, 15.-16. Dezember 2001 – Portrait) (pdf)

Einsichten und Ekstasen einer Asketin

(Sonntagszeitung, Schweiz, 4. November 2001 – Portrait) (pdf)

Das Schreiben steht im Vordergrund

(Am Erker, 2001) (pdf)


Hausers Zimmer

„Die Linke ist heute viel mehr zersplittert“

(Berg.Link. Magazin für Prenzlauer Berg, Ausgabe 3/ 2011)

Tanja Dückers‘ Zeitreise ins alte West-Berlin

(Morgenpost, 21. März 2011)

„Das waren damals die dunkelsten Jahre“

(www.hilker-berlin.de)

„Tanja Dückers – Ihr neuer Roman macht rüber in den Westen“

(BZ, 7. März 2011)


Zeche Lohberg

„What remains is the future“

(remotewords.net, 27. August 2009)


Der längste Tag des Jahres

Mir gefällt mein Geburtsdatum

taz, 20. März 2006 – Interview (pdf)


Himmelskörper

Der nüchterne Blick der Enkel

Die Zeit, 30. April 2003 – Interview (pdf)

Meine Version ist die richtige

Berliner Zeitung, 22.-23.März 2003 – Interview (pdf)

Verdrängte Schuld

Berliner Morgenpost, 3. März 2003 – Interview (pdf)

Büchermarkt: Tanja Dückers, Himmelskörper, Roman

Deutschlandfunk, 19. Juni 2003 – Interview (pdf)

Sehen, suchen, schreiben

Mitteldeutsche Zeitung, 12. Juni 2003 – Interview (pdf)


Café Brazil / Luftpost

Interview mit der Berliner Autorin Tanja Dückers

Berliner Zimmer, Online-Magazin, März 2002 (pdf)

Büchermarkt: Tanja Dückers: Café Brazil, Erzählungen

Claudia Kramatschek im Gespräch mit Tanja Dückers, Deutschlandfunk, 12. Juli 2001 – Interview (pdf)

La petite-fille de monsieur Grass? Tu Parles?

Documents, Paris, Nr. 4, 2001 – Interview (pdf)

Interview mit Tanja Dückers

Buchkultur, Heft 73, Juni/Juli 2001 – Interview (pdf)