Situation geflüchteter Kinder und Jugendlicher in Deutschland (ZEIT Online, März 2015)

Die Zahl der flüchtenden Kinder nimmt dramatisch zu. Rund 80 Prozent der Flüchtenden auf dem Weg nach Deutschland, sind, laut Grenzbeamten, derzeit Frauen und Kinder. Vor ein paar Monaten noch machten Männer den Hauptteil der Flüchtlinge aus (Quelle: (Quelle: http://www.huffingtonpost.de/2016/02/26/fluechtlinge-balkanroute_n_9330838.html. Die Flüchtlinge, die aktuell unterwegs sind, versuchen vermutlich der Verschärfung des Asylrechts, das eine Begrenzung des Familiennachzugs vorsieht, zuvorzukommen. Allerdings hat der Bundestag das Asylpaket II schon beschlossen.

Man muss sich jedoch auf die hohe Zahl an Minderjährigen einstellen. Gerade geflüchteten Kindern fehlt es an vielem in den Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften in Deutschland. Das Deutsche Kinderhilfswerk hat schon mehrfach Alarm geschlagen und den Bundestag angemahnt, dass es betreute Schutzräume für Kinder geben müsse, vor allem geschlechtergetrennte Sanitäranlagen. Sexuellen Übergriffen müsse wirksamer vorgebeugt werden. Und dieser Schutz muss endlich gesetzlich verankert werden.

Viele Kinder leiden unter der mangelnden Privatsphäre in den Gemeinschaftsunterkünften. So notiert die Berliner Schriftstellerin Veronika Peters, die seit Monaten aktive Hilfe in einer Notunterkunft leistet: „In den Turnhallen ist es zu laut, man hat keine Tür, die man hinter sich zumachen kann, die sanitären Anlagen sind ein Alptraum – die Leute sind generell viel zu lange gezwungen, in den Hallen zu leben (…). Die Kinder brauchen einen Ort, wo sie sich sicher fühlen können, Ruhe finden zum Schlafen, zum Spielen und Lernen.“ Deshalb ist Peters begeistert von einer Initiative der Architektin Katharina Lottner: Sie hat stabile Trennwände in eine Halle eingelassen, so dass nun kleine Einheiten entstanden sind und somit ein Minimum an Privatsphäre. Die irische Architektin Michelle Howard, ebenfalls in Berlin ansässig, hat unlängst ein ähnliches Konzept entwickelt.

 

Vor allem jedoch müssen bürokratische Prozesse schneller vonstatten gehen. Von der dramatischen Geschichte eines achtjährigen Jungen aus Syrien weiß die bekannte Publizistin Anke Domscheit-Berg, die in Hessen und in Berlin in der Flüchtlingshilfe aktiv ist, aus erster Hand zu berichten: Der kleine Kasim floh gemeinsam mit seinen beiden um die 20-jährigen Neffen über das Mittelmeer. Die Eltern hatten den Neffen ihren Sohn anvertraut, weil sie sehr kräftig sind, einer von ihnen ist Junioren-Weltmeister im Ringen. Sie wähnten ihren Sohn bei ihnen in Sicherheit. Doch im hessischen Rheingau dürfen die Neffen nicht für den kleinen Jungen zuständig sein: sie sind nicht Verwandte ersten Grades. Für Kasim ist nun das Jugendamt Rheingau zuständig. Deshalb liegt sein Antrag auf Asyl beim überforderten und inkompetenten Jugendamt, genauer gesagt beim „Rheingau-Taunus Fachdienst Jugendförderung“, herum – und nichts passiert.

Kasim ist schwer traumatisiert und vermisst seine Eltern. Doch ohne bewilligtes Asyl, das er sofort erhalten würde, kann kein Antrag auf Familiennachzug gestellt werden. Da die Monate vergingen (er floh mit seinen Neffen im Herbst) und die deutschen Behörden sich nicht rührten, haben sich nun seine Eltern unter Lebensgefahr – Vater Amir ist Diabetiker – auf den gefährlichen Seeweg gemacht, mitsamt ihrer sechsjähriger Tochter, der Schwester von Kasim, und dem sechzehnjährigen Neffen, der gerade bei einem Bombenanschlag seine Eltern verlor und nun Vollwaise ist.

Vier Mal wurden sie von der türkischen Polizei auf dem Wasser abgefangen, einmal wurde versucht, ihr Boot mit Wasser und mit Steinen zu versenken. In dem neun Meter langen Boot befanden sich 62 Menschen, darunter zwölf Kinder. Viermal saßen die Eltern mit den beiden Kindern über Nacht ohne irgendeine Nahrungsaufnahme im Gefängnis. Nun sitzen sie mit Tausenden von Flüchtlingen in Idomeni fest und die Mutter von Kasim teilte Anke Domscheit-Berg per SMS mit, dass es eiskalt sei und es nur zwei beheizte Zelte für 8000 Menschen gäbe. Die Zelte seien nur für besondere Härtefälle gedacht, dazu zählen trotz großer Kälte offenbar keine sechsjährigen Kinder. Wegen der Trägheit der Behörden mussten nun vier Menschen die lebensgefährliche Flucht wagen.

 

Ein weiterer Fall aus Hessen, der die Engstirnigkeit der deutschen Behörden belegt: Im November letzten Jahres wurde eine Mutter auf der Flucht von zweien ihrer drei Kinder getrennt, da sie in unterschiedliche Busse gezwungen wurden. Ein Bus fuhr nach Köln, ein anderer nach Gießen. In Hessen kamen die Kinder in Erstaufnahmeeinrichtungen. Dort gelten sie als „unbegleitete Minderjährige“. Seit nunmehr vier Monaten warten sie darauf, zu ihrer Mutter nach Köln gebracht zu werden. Jetzt will der Landkreis die Vormundschaft für die Kinder übernehmen, obwohl diese eine Mutter in Deutschland haben! Erst nach vier Monaten Trennung wurde der Mutter überhaupt mitgeteilt, dass sie einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen könne. Anke Domscheit-Berg stellt resigniert fest: „Die Mutter kann nur Arabisch, ist mit diesen Prozessen überfordert, und es stellt sich die Frage, wieso sie eigentlich einen Antrag stellen muss und warum Kinder nicht automatisch zu ihren Eltern kommen.“

 

Ein wichtiger administrativer Aspekt ist die schnelle Aufnahme von Kindern in örtliche Schulen, meint die Schriftstellerin Veronika Peters: „Seit die Kinder ‚unserer’ Notunterkunft zur Schule gehen dürfen, ist die Stimmung so viel besser geworden! Stolz kommen sie mir oft mittags mit ihren Ranzen auf dem Rücken auf der Straße entgegen, jubeln mir schon von Weitem zu und sagen mir strahlend die neu gelernten deutschen Sätze auf … Zur Schule gehen zu dürfen macht sie stolz und glücklich, es ist ein winziges Stück Normalität in diesem Wahnsinn um sie herum. Auch für die Erwachsenen unter den Geflüchteten ist es ein Zeichen der Hoffnung, wenn die Kinder morgens zur Schule aufbrechen!“

Es hätte aber viel zu lange gedauert, bis die Kinder endlich zur Schule gehen durften.

 

Das kann auch Veronika Peters’ zwölfjährige Tochter Carla, genannt Charlie, bestätigen. Charlie hat schon Freundschaften in der Notunterkunft geschlossen und weiß über ihre neuen Freundinnen zu berichten: „Die wollen Deutsch! Und zur Schule! Und Kontakt zu deutschen Kindern. Das sind ihre Wünsche.“ Charlie bringt einem Mädchen Deutsch bei, sie wiederum bekommt von diesem Arabisch beigebracht – ein selbstorganisiertes Sprachtandem unter Kindern. Gerade der Kontakt zu anderen Kindern, zur Außenwelt, sei für geflüchtete Kinder wichtig. Die Binnenstruktur einer Notunterkunft schafft eine isolierende Atmosphäre, prolongiert den Ausnahmezustand.

 

Ein großes Problem laut Auskunft verschiedener Helfer in Einrichtungen für Geflüchtete ist das unstrukturierte Nebeneinander von Mangel und Überfluss. Der Staat verlasse sich nach wie vor viel zu sehr auf ehrenamtliche Helfer. Diese sind aber oft keine Fachleute, sondern Anwohner, die nicht wissen können, was am meisten fehlt. Oft bieten sie genau die Dienste an, bei denen sie selber über Know how verfügen. So hat sich in einer Einrichtung in Berlin-Prenzlauer Berg herausgestellt, dass es schon fast ein Überangebot an Freizeitaktivitäten gibt. Von Yogakurs über Qi Gong ist alles dabei. Dafür fehle es nach wie vor an elementaren Dingen wie Unterwäsche, Pyjamas und Medikamenten. Aber man könne Yogalehrerinnen, die Geflüchteten kostenlose Kurse anbieten, dies natürlich nicht zum Vorwurf machen. Das Bundesministerium des Inneren und nicht der Kreis der Anwohner müsste Angebote und Hilfestellungen sinnvoll lenken.

 

Es gibt deutschlandweit ein großes Gefälle, was die materielle und personelle Ausstattung von Gemeinschaftseinrichtungen gibt: So berichtet Anke Domscheit-Berg von Kindern, die auf nackten Kasernenfluren spielen müssen und rein gar nichts zum Spielen haben. Oft genug gäbe es niemanden, der sich um sie kümmern würde.

Ein anderer Helfer, der Schriftsteller Vladimir Vertlib, gibt zu Protokoll: „Ich bin immer wieder fasziniert, wie (…) dankbar Kinder sind, wenn man sich mit ihnen beschäftigt, wenn man mit ihnen spielt, und sei es nur, dass man aus einem Einweghandschuh einen Luftballon bastelt oder ihnen schlichtweg ein Blatt Papier und einen Stift in die Hand drückt (….). Ich denke mir, wenn es mehr freiwillige Helfer gäbe, die sich in den Flüchtlingsunterkünften speziell um Kinder kümmern würden, wäre schon sehr, sehr viel getan.“

 

Vor allem, da sind sich alle Helfer einig, müssten schwer traumatisierte Kinder schneller und besser behandelt werden. Viele Kinder, gerade unbegleitete, haben mit ansehen müssen, wie ihre Eltern oder andere nahe Familienmitglieder starben. Sie sind nun auf sich gestellt in einem fremden Land, in dem ihnen oft auch noch mit Feindseligkeit begegnet wird.

 

Kinder, das steht fest, trifft das neue Asylpaket der Bundesregierung, am Empfindlichsten. Da können noch so viele Hilfsdienste geleistet, Sprachangebote gemacht und Freundschaften geknüpft werden: Wenn der Familiennachzug behindert wird, wenn Kinder wissen, dass ihre Eltern oder Geschwister weiterhin in Syrien in Lebensgefahr sind oder an Grenzen festsitzen und nicht nachreisen dürfen, lassen sich Trost und Hilfe nur schwer vermitteln.

 

 

 

 

© Tanja Dückers, Berlin , im Februar / März 2015

Nach oben scrollen
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner