Fundbüros und Verstecke

Gedichtband, Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2013

Nachdem zuletzt 2004 Tanja Dückers‘ Lyrik-CD „Mehrsprachige Tomaten. Reisen im Kopf“ erschien, werden hier neue Gedichte der auch für ihre Prosawerke und Essays gefeierten Autorin vorgelegt. In „Fundbüros und Verstecke“ erhebt Tanja Dückers Einspruch gegen die Schwerkraft, besingt das Fallen, setzt an zum Fliegen – und folgt dabei dem roten Faden, „der unsere Leben / zusammenhielt“. Sie umkreist die Welt, findet sie im Nahen wie im Fernen, in ausgedehnter Zeit wie in der Flüchtigkeit. Reisen haben immer eine existenzielle Dimension, ihr Blick geht oft nach Osteuropa. Tanja Dückers’ Poesie ist mal melancholisch, mal träumerisch, oft spielt sie mit schroff ironischen Kontrasten.

Das Zusammenspiel von Öffentlichem und Privatem wird in Hommagen an Emily Dickinson, Hans Magnus Enzensberger und Fernando Pessoa erkundet. Dabei lässt sich Tanja Dückers von Märchenmotiven und urbaner Alltagspoesie inspirieren: Unter dem Motto „Man kommt nicht los / von dem was man nicht kennt“, blickt sie „über den Tellerrand der Erde“ und spiegelt kritisch unsere Gegenwart: „Zeichen am Himmel / auch wir“.

Leseprobe:

Auf dem Rücken der Oder
Ich kann das Oder-Ufer
nicht verstehen
Aber das macht nichts
Ich kann das Oder-Licht
nicht verstehen
kann die Akrobatik der Oder-Brücken
– monströs und himmelsgrüßend –
nicht verstehen
Kann das eigentümlich sich drehende Wasser der Oder
ihr Treibgut ihre Langsamkeit
die schwarzen Vögel das Schild ihren weichen Grund
und die von mir gerade dazu erfundene Flaschenpost
nicht verstehen
Aber das macht wirklich gar nichts
Die Spree
verstehe ich doch auch nicht
(wenngleich aus anderen Gründen)


Etwas gefunden (VII)
Warum finde ich nichts mehr
früher
war alles bedeutsam
heute
genügt nichts mehr
Früher
unterhielt ich mich mit leeren  Joghurtbechern
dorthin möchte ich zurück

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