Wo Wasserleiche Soljanka schlürft. Jaroslav Rudis’ “Vom Ende des Punks in Helsinki” (Jungle World, März 2014)

veröffentlicht in Jungle World, März 2014

»Vom Ende des Punks in Helsinki« heißt der wunderbare Roman des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš, der vom rauen Leben eines Unangepassten im sozialistischen wie im kapitalistischen Alltag erzählt.

Die Fans, die Jaroslav Rudiš längst auch in Deutschland hat, dürfen sich auf diese Lektüre freuen: Mit »Vom Ende des Punks in Helsinki« hat der tschechische Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker seinen bisher besten Roman vorgelegt. Und das heißt was, denn auch »Der Himmel unter Berlin« – eine raue Liebeserklärung an Berlin, ans U-Bahn-Fahren und an die dortige Unterwelt – ist ein starkes Buch. Ebenso sein Roman »Die Stille in Prag«, in dem er mit der Gentrifizierung Prags abrechnet. Jaroslav Rudiš, Jahrgang 1972, spricht fließend Deutsch, hat längere Zeit in Berlin gelebt und ist wie seine Kollegen Petra Hulova und Jáchym Topol häufig zu Gast in der deutschen Hauptstadt. In seiner Begeisterung für Berlin hat Rudiš einer seiner Bands den deutschen Namen »U-Bahn« gegeben. Gemeinsam mit dem tschechischen Maler und Rocksänger Jaromír 99 schuf Rudiš den inzwischen auch in der Verfilmung äußerst erfolgreichen Comic »Alois Nebel«. Auch sein urkomischer Roman »Grandhotel« wurde verfilmt, und Rudiš wirkte in einer Nebenrolle mit.

In seinem neuen Roman geht es nicht, wie der Titel suggeriert, um die finnische Hauptstadt. Das »Helsinki« ist eine heruntergekommene Kneipe irgendwo in der ostdeutschen Provinz, in einer namenlosen kleinen Braunkohlestadt. Ihr Betreiber ist Ole, ein in die Jahre gekommener Punker, inzwischen vielleicht eher ein Rocker. Nihilist, langhaariger Lebenskünstler, was auch immer. Im »Helsinki« hängen immer die gleichen Leute ab, sie haben Spitznamen wie »Wasserleiche« oder »Selbst-ist-der-Mann«. Das Ingwer-Limette-Sojamilch-Zeitalter ist hier noch nicht angebrochen, es gibt Gabi’s Soljanka, Rollmöpse oder Eier-in-Soße. Ole ist oft schlecht gelaunt und hat den Blues. Er meckert über »Bio-Mütter« mit Kinderwagen, die nur einen »Tick billiger als ein neuer Mercedes« sind, und über hässliche Leute in seiner Kneipe. Seine boshafte Beschreibung des in die Jahre gekommenen alten Bandkumpels Frank trifft exakt auf ihn selbst zu. Der Roman erzählt eine tragikomische Geschichte über eine im Osten großgewordene Generation, die früher zu den ganz Wilden zählte und jetzt nicht zu den Neo-Spießern gehört, aber auch nicht, wie manche früheren Genossen, komplett im Drogensumpf versinken will. Als die Behörden das »Helsinki« wegen Baufälligkeit schließen, wird Ole der Boden unter den Füßen weggezogen. Schließlich sind die Leute im »Helsinki« seine Ersatzfamilie. Eine Beziehung kommt für Ole nach vielen chaotischen Erfahrungen nicht mehr in Frage. Das hat er sich geschworen. Auf Frauen­stress will der nun 40jährige Punker, der einst »Ficken! In Ewigkeit!« aus Zugfenstern geschrien hat, gänzlich verzichten. Alleinsein heißt immerhin, dass man nicht mehr zu Hause aufräumen, nicht nett sein, nicht auf Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen muss. Belastend sind die Erinnerungen an das Ende seiner Punkband Automat, über die er selber im Rückblick sagt, dass sie nach »dumpfem Trabant-Punk« geklungen hat. Nachdem Frank und er jahrelang mehr oder weniger nur Luftgitarre gespielt hatten, war irgendwann der merkwürdige Malcolm auf sie zugekommen. Plötzlich gewann das Bandprojekt an Fahrt, sie hatten sogar ein paar Mal die Gelegenheit dazu, in Hotels Möbel zu zerschlagen, als sie mit ihren Alben »Automat 1« und »Automat 2« auf Tour waren. Aber zu »Automat 3« sollte es nicht mehr kommen, denn Malcolm entpuppte sich als IM. Die Band zerfiel, die Fassaden der Häuser fielen nach und nach auf den Bürgersteig, alles moderte vor sich hin, der Staat stand kurz vorm Bankrott. Endzeitstimmung: »Allen war alles egal, den Agitationsbannern, roten Flaggen und end­losen Optimismussprüchen zum Trotz, vor denen man sich nicht retten konnte.«

Was blieb, war der innere Rückzug: Frank, Oles Kumpel, begann mit Drogen zu experimentieren und ist inzwischen ziemlich neben der Spur. Halluzinogene Pilze sind die billigste Droge: »Die Pilze holte Frank aus dem Stadtpark. Die beste Beute gab es zu Füßen des steinernen Denkmals von Marx und Engels.« Ansonsten versank Frank in seiner eigenen Gedankenwelt: »Das Einzige, was ihn noch interessierte, waren Fußball und die Weltgeschichte. Er entwickelte eine Theorie, die Geschichte würde einem Fußballspiel gleichen, wo Strategie, Kraft und Philosophie auf Zufall treffen.« Ole hingegen komponierte weiter und »versuchte von Zeit zu Zeit eine neue Band zu gründen«. Wenn Ole heute auf die DDR zurückblickt, fällt ihm sofort die Losung ein, die sich auf der im Krieg zerschossenen Fassade der städtischen Nervenheilanstalt befand: »Wir sind stolz darauf, was die Partei aus uns gemacht hat.«

Interessant macht den Roman, dass er zwei Geschichten parallel erzählt, einmal die von Ole in der ostdeutschen Provinz und dann die Geschichte von Nancy, einer jungen Punkerin, die Ende der achtziger Jahre in Freiwaldau im tschechischen Altvatergebirge lebte. Auszüge ihres Tagesbuchs wechseln sich mit Oles Schilderungen und Erinnerungen ab. Nancy kam aus einer deutschstämmigen Familie, was für sie aber keine Rolle spielte. Einziger Vorteil: Die 1 in Deutsch unter den ansonsten unterirdischen Noten. Sie wurde Nancy genannt, wie die »Braut« von Sid Vicious von den Sex Pistols. Die Sex Pistols sind die Idole ihrer Clique. Nancys Kumpels waren Typen mit Namen wie Chaos, Typhus oder Haschkarla. Vor zwei Dingen hatte Nancy Angst: Davor, von Helmut geschwängert zu werden, denn ihre Mutter und deren Lebensgefährte (Nancys Vater ist an Krebs gestorben) waren zwar durchaus nicht ganz verkehrt und hörten heimlich Radio Freies Europa, aber da würde der Spaß aufhören, das hätte Konsequenzen: Als nämlich Haschkarla von Chaos schwanger wurde, mussten die beiden Punk-Teenies heiraten.

Nancys zweite große Furcht betraf die Folgen von Tschernobyl. Sie hatte ständig Halsschmerzen wie alle in ihrer Umgebung und wurde mehrfach geröntgt. Alle bekamen Jod­tabletten verordnet. Denn die Region hatte eine hohe Strahlendosis abbekommen. Nancy notierte: »Mein Hals tut pausenlos weh, aber vielleicht ist das bei allen so. Bei uns leuchteten nach Tschernobyl alle Pilze und alle Tiere im Wald, die Menschen wahrscheinlich auch, der Wind hat viel mehr Radiostaub zu uns als sonst wohin gebracht. Alle schlucken irgendwelche Pillen wegen Lymphknoten oder Blutbild, auch wegen der Schilddrüse, die hat sich seit damals fast bei jedem vergrößert.« Auch ansonsten ist das Leben im Altvatergebirge Ende der achtziger Jahre nicht besonders angenehm. »Seit einer Woche kann man in ganz Freiwaldau kaum atmen, wenn wir nicht wegen Tschernobyl sterben, dann ersticken wir. Die Fabriken qualmen um die Wette und die Wohnhäuser auch und nur wenn man ganz oben auf den Berg klettert, ist dort die Luft klar und man sieht den fetten Deckel unter dem die Stadt vor sich hingammelt.«

Überhaupt hatte Nancy allen Grund, Punk zu sein, zumal die Lebensentwürfe ihrer Klassenkameradinnen alles andere als spannend waren: »Alle aus meiner Schule wollen so schnell wie möglich heiraten und einen Typen haben, mit dem mindestens fünf Blagen zeugen und ein Haus mit Garten bauen oder wenigstens ne Dreizimmerwohnung im Plattenbau wie wir.« Ende der achtziger Jahre herrschte auch in der tschechischen Provinz Endzeitstimmung: »Absolut tote Hose. Nix los. Einfach nur Scheiße. Wenn ich darüber nachdenke, gilt das für das ganze Land. Wenn man das Radio anmacht, quillt nur Scheiße heraus und Karel Gott. Wenn man die Glotze anmacht, quillt nur Scheiße heraus oder Karel Gott«, notierte Nancy in ihr Tagebuch.

Rudiš findet den richtigen Ton für seine Figuren, und man merkt, dass er weiß, worüber er schreibt. Seine Antihelden Ole und Nancy verbindet eine dramatische und düstere Geschichte. Ole erinnert sich an sie, als er nach der Schließung des Helsinki viel Zeit zum Grübeln hat. Damals, 1987, ist er auf das erste offizielle Konzert der Toten Hosen im Ostblock nach Pilsen gefahren. Das war ein Muss für ihn und seine Kumpels. Dort traf er auch Nancy, die beiden wurden ein Paar. Doch den missglückten Versuch der beiden, in den Westen abzuhauen, überlebte das Mädchen nicht. Für Ole war danach nichts mehr wie zuvor. Auch seine Familie wurde für den Fluchtversuch des Sohnes abgestraft: »Oles Mutter wurde von der Erweiterten Oberschule in eine Berufsschule versetzt, und seine ältere Schwester ist beinah von der Uni geflogen, nur Oles Vater haben sie nichts anhaben können, ein Straßenbahnführer ist schwer zu degradieren.« Die missglückte Flucht und Nancys Tod sind das dunkle Zentrum, um das die Erinnerungen kreisen und dem sich der Protagonist Schritt für Schritt in vielen Rückblenden nähert.

Rudiš, der gelegentlich sehr trashig geschrieben und viel Klamauk in seinen Romanen untergebracht hat, hat inzwischen zu einem eigenen Stil gefunden. Seine Lebensgeschichten sind ebenso skurril wie glaubhaft und immer wieder von alltagsphilosophischen Passagen durchsetzt. Viele Sequenzen aus »Das Ende des Punks in Helsinki« bleiben haften – ob es Ortsbeschreibungen sind oder Schilderungen der Punkerzeit in der DDR: »Tagsüber Krankenhaus. Nachmittags Proberaum. Am Wochen­ende Konzerte. Sie vermieden bewusst, vom Podium auf die Menschen im Saal herunterzublicken. Sie wollten zwischen sich und den Zuschauern eine Mauer spüren, denn Energie, Sehnsucht und Wut werden von Mauern potenziert«.

»Das Ende des Punks in Helsinki« dürfte Ostalgikern nicht gefallen, hier wird es nirgendwo sentimental, hier wird nichts beschönigt. Aber aus der vitalistischen Hommage an Dreck, Rotz, Punk und verstrahlte Pilze spricht auch viel Sympathie für die Menschen, die damals nicht mitmachten und an ein besseres Leben glaubten und heute nicht in der Chefetage sitzen, sondern auf verlorenem Posten stehen. Wenn sie überhaupt noch leben.

Jaroslav Rudiš: Vom Ende des Punks in Helsinki. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Luchterhand, München 2014, 349 Seiten, 14,99 Euro

© Tanja Dückers, Februar 2014