Über Stil und Styling. Jungschriftsteller im Literaturbetrieb (Jungle World, März 2002)

veröffentlicht in Jungle World, März 2002

Der Literaturbetrieb fördert und fordert den narzisstischen Autor. Was passiert mit all den Jungschriftstellern, wenn das Young-and-Pretty-Image bröckelt?

Es gibt auffallend viele deutsche Schriftsteller, die nach dem Zweiten Weltkrieg über den Narziss-Mythos geschrieben haben, ob Günter Grass, Rose Ausländer, Michael Krüger, Hans Jörg Zauner oder Uwe Kolbe. Im Drama, in lyrischer Form und als »narzisstische Persönlichkeit« im Roman geistert der selbstverliebte Jüngling durch die Blätter.

Wundern kann einen das kaum, hat doch nach dem Wirtschaftswunder der Wegfall existenzieller Nöte einen Rückzug auf individuelle Interessen, eine Orientierung zum Ich – im Jargon der Achtundsechziger: zum Selbstausdruck – stattgefunden, die natürlich auch in der Literatur ihren Niederschlag fand und findet. Psychoanalytiker konstatierten eine Verschiebung der Krankheitssymptome ihrer Patienten; waren noch zu Zeiten Freuds, Adlers und Jungs die Hysterie oder die Zwangneurose populäre Behandlungsgründe, sind diese »klassischen Neurosen« längst den zeitgemäßen »narzisstischen Persönlichkeitsstörungen« und dem ihnen oft verwandten »Borderline-Syndrom« gewichen. Auch Freud hatte schon über den Narzissmus debattiert und seine Genese in der »phallischen Phase« der Kindheit vermutet, dennoch blieb diese Persönlichkeitsstörung in der Praxis ein Ausnahmefall – zur Erleichterung Freuds, der den von dieser Störung Befallenen meistens »Therapieresistenz« attestierte.

Während Marie Luise Kaschnitz noch über das »seltsame Liebespaar Ich und Ich« nachdenkt (aus dem Gedicht »Narziss«, 1957) und Inge Müller dumpf anklagt: »Wer gibt dir ein Recht den Stummen zu spielen« (aus dem gleichnamigen Gedicht), während Karin Kiwus noch in »Herr und Knecht« ihren Narziss über den Begriff des »kindlichen Spiels« reflektieren lässt, Dagmar Leupold schon hellsichtig über das »Plappermaul Echo« sinniert und Grass’ »Narziss« (Gedicht aus dem Jahr 1960) sich noch »Schuhe mit narbigen Sohlen« kauft, so trägt der jugendlich-lockere Schriftsteller am Beginn des 21. Jahrhunderts Edelstiefeletten, himmelblaue Pumps oder Modetreter mit Kuhfellimitat. Bestenfalls schreibt er hin und wieder über gelangweilte Narzissten, angespornt von amerikanischen Novellisten wie Tom Wolfe (»Fegefeuer der Eitelkeiten«), mehr und mehr jedoch inszeniert er sich selbst.

Dieses Phänomen der Abwendung vom Text und der Hinwendung zum Selbst des Schriftstellers verdient Aufmerksamkeit. Und es ist keinesfalls nur negativ zu werten. Hat nicht in den letzten zehn Jahren die nachrückende Schriftstellergeneration bewiesen, dass man die dieser Profession zugeschriebene Berufskleidung aus Nickelbrille und grauem Rolli oder Topffrisur und schmucklosem Kleid getrost wechseln kann, ohne den Job wechseln zu müssen? Haben nicht zum Beispiel in Berlin erstmals wieder Schriftsteller den DJs das Nachtpublikum streitig gemacht, wenn es einen guten Kabarettabend, einen lustigen Poetry Slam, eine seltsame Textperformance gab?

Literaten sind nicht salon-, sondern medienfähig geworden, sie können sich auf den verschiedenen Bühnen, ob Akademikermatinee oder Szeneclub, heimisches Radiointerview oder Goethe-Institut im Ausland, präsentieren und zu allem Überfluss auch noch so aussehen, als würden sie unter der Öffentlichkeit nicht »leiden«, sondern sie genießen. Man kann konstatieren: Es ist den großen Verlagen gelungen, ihrer Furcht, der Literaturbetrieb könnte den Anschluss an andere Zeitvertreibungsindustrien verlieren, mit den popstarhaften Jungliteraten etwas entgegenzusetzen. Wer, der nicht im Literaturbetrieb angesiedelt ist, kann schon unterscheiden zwischen »Oli P.« und »Benjamin S.B.«? Wer weiß noch, ob das blonde Jungengesicht auf der Peek & Cloppenburg-Reklame zu einem Keyborder, einem Radiomoderator oder gar zu einem Literaten gehört? Und die junge Frau auf dem Cover eines Paperbacks, ist das wirklich die Schriftstellerin oder »nur« ein Model? Es ist die – für eine Stunde – in die Haut des Fotomodells geschlüpfte Autorin.

Andere Schriftsteller lassen sich vor versammeltem Literaturbetrieb in Seidenanzügen fotografieren, tragen die ewige Motorradkluft und haben das Schild »Bin aus dem korrekten Osten« so groß auf der Stirn, dass man meint, man bräuchte ihre Bücher gar nicht mehr zu lesen, da man schon ahnen kann, was drin steht: Anekdotenhaftes über einen jungen korrekten Kerl aus dem Osten, in Motorradkluft. Manchmal hat man fast den Eindruck, man müsste nicht mehr die Bücher kaufen, sondern nur noch Fotos der Autoren heranziehen, schon wüsste man im Grunde genommen, wovon die jeweiligen Texte handeln.

Liegt eine Sybille Berg leidend auf einem Bett, kann man ahnen, dass es hier um unglückliche Liebe geht – nicht um platonische, versteht sich. Sieht man einen Krawattenschnösel mit Seitenscheitel, liegt es auf der Hand, dass er über die Achtundsechziger und ihre nicht mehr marktgerechte Ästhetik herzieht. Und ich selbst, abgelichtet vor einer mit Graffiti besprayten Wand, werde wohl auch eher aus dem Leben der Youngster berichten, die sich an mit Graffiti besprayte Wände lehnen, als über den Polizisten, der diese entdeckt.

Es ist merkwürdig: Wurde es bisher oft als ein Vorzug des Buches gegenüber dem Film empfunden, dass es der Phantasie in Bezug auf das handelnde Personal keine Grenzen setzt, so scheint dies jetzt als ein Mangel empfunden zu werden, der behoben werden muss: Guck’ dir die zahlreichen, in Stadtmagazinen abgedruckten Fotos der Verfasser an, und du weißt in etwa, wie die Welt aussieht, die vermeintlich unsichtbar zwischen den Buchdeckeln dämmert.

Junge Männer in weißen und elfenbeinfarbenen Anzügen in der »Bar jeder Vernunft«, eine Modigliani-Frau mit zur Seite geneigtem Haupt, eine Motorradmieze im Dirndl, die Nachbar-von-nebenan-Ausstrahlung eines Ingo Schulze – immer vielfältiger grenzen sich die jeweiligen Autoren voneinander ab, definieren ihre Leserschaft. Wenn der Literaturbetrieb und die Verlage verstärkt auf eine narzisstische Selbstpräsentation ihrer Autoren aus sind, wie auch immer diese im Detail gestaltet ist, so riskieren sie die kritische Leserschaft, eine, die zwischen Bild und Abbild zu unterscheiden vermag.

Narzisstische Führungspersönlichkeiten provozieren, so der Sozialwissenschaftler Vamik D. Volkan, »bei ihren Gefolgsleuten eine kollektive Regression«. Blinde Kaufwut bei unter 20jährigen, schwindelerregend hohe Auflagen, Fernsehspots. Setzt sich dadurch das neue Image des »guten« Autors zusammen?

Was passiert mit diesem narzisstisch aufgeladenen Autor, wenn sein »labiles Selbstwertgefühl« (Otto F. Kernberg) aus den Angeln gehoben wird, weil sein Image plötzlich als nicht mehr marktgerecht empfunden wird, wenn all die in den vergangenen Monaten oder Jahren präsentierten Bilder sich verbraucht haben und die Leserschaft vielleicht nicht mehr nach »neuen Dandys« oder »Lockenwundern« (»Diese Locken!« betitelte die Zeit einen Artikel über Alexa Hennig von Lange) lechzen sollte? Was passiert mit diesen Autoren, deren Texte vielleicht besser sind als früher, deren Auftreten aber weniger spektakulär ausfällt? Wird die »Depression als Kehrseite der Grandiosität« (Alice Miller) von ihnen Besitz ergreifen und sie in ihrem künstlerischen Ausdruck hemmen? Oder werden sie sich erst einen Imageberater und dann ein neues Image und einen neuen Schreibstil aneignen?

Niemals waren das äußere Erscheinungsbild und der Habitus eines Autors völlig bedeutungslos, aber niemals wurde dem, was außerhalb der Buchdeckel passiert, mehr Bedeutung geschenkt als dem, was dazwischen passiert. Der amerikanische Psychologe Christopher Lasch, der Ende der siebziger Jahre die vielgelesene Studie »On Narcissism« veröffentlichte, widmet in diesem Werk ein Kapitel dem Thema »Narzissmus und Alter«. »Da der Narzisst über besonders wenig innere Reserven verfügt, erwartet er von anderen eine Bestätigung seines Selbstwertgefühls«. Diese Bestätigungen werden aber mit dem Älterwerden oft versagt, zumal in einer jugendenthusiasmierten Gesellschaft.

Und auch hier wollte der Literaturbetrieb in nichts nachstehen. Anstatt eine eigene, eigensinnige Rolle im gesellschaftlichen Gefüge zu spielen, setzt er mit anhaltendem Elan auf Newcomer, auf vielleicht talentierte, aber relativ unerfahrene Autoren, führt jedes halbe Jahr neue und noch jüngere Gesichter vor, anstatt eine gute, dem Anfängerstadium entwachsene Autorengruppe, die natürlich keineswegs hermetisch sein sollte, langfristig aufzubauen und im Bewusstsein der Leserschaft zu halten. Und bei diesem quantitativen Verschleiß an young and pretty wundert man sich hierzulande, dass im Ausland kaum jemand einen aktuellen deutschen Autor kennt und selten jemand über die Kenntnis von Thomas Mann oder Günter Grass hinauskommt.

Dem eingangs erläuterten positiven Effekt der narzisstischen Aufladung des Schriftstellerbildes seit den neunziger Jahren, der die Abkehr vom stereotypen »Bücherwurm«-Image und die Transparenz für andere Szenen (Clubs und Bars etc.) bewirkt hat, steht die Exploitation des Gesichts, der Biographie, des privaten Wirkungsfeldes eines Schriftstellers gegenüber.

Diese kurzfristige Konzentration auf die Person des Autors scheint die langfristige Konzentration auf die Entwicklung seines – sich immer in Arbeit befindlichen – Werks (allein dieses markiert einen Gegensatz zum glänzenden, perfekten Foto) zu verhindern. Ein Autor, der drei oder vier Bücher veröffentlicht hat, erhält selten so viel Resonanz – zu deutsch: so viele Rezensionen – wie ein Debütant, vorausgesetzt er veröffentlicht bei einem großen Verlag; einige Literaturpreise werden nur »bis Alter 35« vergeben, jede zweite Subvention richtet sich »an den Nachwuchs«.

Der Nachteil bei dieser Fixierung auf das Visuelle, auf die narzisstische Präsentation der Autoren, ob nun von ihnen selbst, vom Verlag oder von »den Medien« lanciert, geht immer auf Kosten des Textes. Es wird nicht gelesen, was nicht im Image des Autors gesehen wird. Die zeitlose Poesie in den naturbeschreibenden Passagen des zeitgenössisch-modernen »Regenromans« wird nicht wahrgenommen, der Trickreichtum eines Ingo Schulze verschwindet hinter seinem aufklärerischen Gutmenschentum, die Selbstironie der neuen »Dandys« wird nur gegen ihre »Selbstgefälligkeit« ausgespielt.

Das Bild bindet. So wie der mythologische Narziss nicht fortkam von seiner Imago, so kettet die narzisstische Bildbesessenheit den Autor, den Text, das Geheimnis an eine einzige monolithische Aussage.

© Tanja Dückers, März 2002