Immer gerade nicht gestorben. Isländische Lyrik (Jungle World, 13. Oktober 2011)

Die Anthologie “Isländische Lyrik” bietet einen Einblick in die vielfältige Dichtung von den Anfängen bis heute
Dass die Poesie auf Island so gut gedeiht, dürfte auch mit seinen extremen geologischen und meteorologischen Bedingungen zu tun haben, die wohl den Anstoß zu einer poetischen Verklärung gegeben haben. Zwerge und Elfen geistern durch die Insellyrik. Einsamkeit ist ein wiederkehrendes Motiv. Es geht bisweilen aber auch bodenständig zu. Da klagt ein Dichter, er habe zu viele Katzen auf seinem Hof, ein anderer lässt sich über Kühe aus. Was nicht alles einen Impuls zum Schreiben geben kann!
Die in einer Kleinstadt aufgewachsene Autorin und Journalistin Sigurbjörg Prastardóttir (Jg. 1973) beschreibt ihre Wahlheimat Reykjavík und wie sie sich anfangs vor den »anonymen Verkäuferinnen«, dem »Lärm auf großen Parkplätzen« und den »wuchtigen Schneepflügen« in der Hauptstadt gefürchtet habe. Auch die jüngere Geschichte Islands ist Thema der Gedichte: Nachdem Island 1944 aus der Union mit Dänemark ausgetreten, aber nur sechs Jahre später zum Militärstützpunkt der Amerikaner geworden war, verschafften sich zunehmend nationalistische Stimmen Gehör. Einige Lyriker kritisierten die als Besatzung empfundenen Stationierung der US-Amerikaner in ihren Gedichten. Das bedeutendste Werk dieser Zeit ist die an traditionelle Volkslieder erinnernde Ballade »Sóleyjarkvaedi« (»Das Lied der Sóley«) des Dichters Jóhannes úr Kötlum, in dem er die Geschichte Islands im Stil eines Märchens erzählt. Am Ende wird das schöne Mädchen Sóley von einem bösen Monster (»halb Mensch, halb Tier«) bedroht.
Spannend sind die neueren Tendenzen in der isländischen Lyrik. Für eine neue Strömung steht die Poetengruppe »Nyhil«. Ihre Autoren mischen sich auch mit Essays in politische Debatten ein und haben wenig Interesse an der ihrer Auffassung nach verkitschten isländischen Lyriktradi­tion. Sie setzen ihr eine direkte Sprache und einen an der Konkreten Poesie orientierten Reduktionismus entgegen. Der Einsamkeit des Inseldichters entkommen sie, indem sie Open-Mic-Sessions und internationale Literaturfestivals organisieren. Doch das Düstere fehlt auch hier nicht. In Kristín Eiríksdóttirs Gedicht »Die Glückseligkeit war nie unser« heißt es: »Wir sind immer gerade nicht gestorben«.

Isländische Lyrik. Hrsg. von Silja Sdalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason und Björn Kozempel. Insel, Berlin 2011, 222 Seiten, 8,95 Euro