Es war einmal. Kolja Mensings “Die Legenden der Väter” (Jungle World, Juni 2012)

veröffentlicht in Jungle World, Juni 2012

Kolja Mensing hat mit »Die Legenden der Väter« einen beeindruckenden Roman über die Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben.

Mit »Die Legenden der Väter« ist Kolja Mensing ein großer Wurf gelungen. In seinem autobiographischen Buch geht er den Heldengeschichten nach, die der Vater ihm als Kind über seinen Großvater erzählt hat. Der Großvater, ein oberschlesischer Pole namens Jósef Kozlik, kam am Ende des Zweiten Weltkriegs als Besatzer nach Niedersachsen in ein kleines Örtchen namens Fürstenau, in dem er Marianne, die Großmutter des Ich-Erzählers kennenlernte und mit ihr einen Sohn – den Vater des Ich-Erzählers – bekam. Zuvor war er angeblich auf abenteuerlichstem Weg über Ungarn und Rumänien bis nach Palästina gelangt, hatte sich dort den britischen Truppen angeschlossen und gegen Hitler-Deutschland gekämpft. In der berühmten Schlacht bei Monte Cassino in Italien und als Fallschirmjäger in Arnheim in den Niederlanden hatte er sich hervorgetan.

Die aufregenden Geschichten über den geheimnisvollen Großvater stifteten ein Männerbündnis zwischen Sohn und Vater. Die Schwester bekommt diese Geschichten nicht erzählt. Der nun erwachsene Sohn – Kolja Mensing – hat zehn Jahre recherchiert, um den Wahrheitsgehalt dieser Legenden zu ergründen. Einfach war diese Spurensuche nicht, die Mensing in militärhistorische Archive nach London und Warschau und in das Archiv des polnischen Sicherheitsdienstes führte und ihn dazu brachte, Polnisch zu lernen.

Denn die biographischen Leerstellen im Leben von Jósef Kozlik waren gewaltig: Frau und Kind hatte er früh allein gelassen, Mensings Vater war drei Jahre alt, als Jósef Kozlik zurück nach Polen ging. Die Informationen über den Verschollenen waren mehr als dürftig. Das Verschwinden des Vaters bot dem verlassenen Kind viel Raum für Phantasie. Seine Mutter hatte das Auseinanderbrechen der Familie nicht verkraftet, den Vater erwähnte sie nie. Dennoch besorgt sie dem heranwachsenden Jungen aus einer Kasernenbibliothek ein Buch über die Schlacht von Monte Cassino. Der Junge liest das Buch mit Begeisterung, meint, der Vater hätte dort auch gekämpft und es den verhassten Hitler-Truppen gezeigt.

Stück für Stück deckt Mensing die Legenden von Vater und Großvater auf. Der Großvater hatte sich nicht in Palästina britischen Truppen angeschlossen, sondern hatte, als sogenannter »Beutekamerad«, selber in der Wehrmacht gekämpft und war von britischen Truppen gefangenen genommen worden. Nach seiner Gefangennahme hatte er sich als Pole zu erkennen gegeben – er sollte sich nun der polnischen Exil­armee (die unter der Verantwortung des britischen Heers stand) anschließen. In Ringway in Großbritannien wurde er zum Fallschirmjäger ausgebildet – eingesetzt wurde er jedoch nie. Die Veteranen der Fallschirmjägereinheit der polnischen Exilarmee, die über Arnheim von den Briten verheizt wurde, werden bis heute in Polen verehrt – Józef Kozlik wäre wohl gern einer von ihnen gewesen. Seine polnischen Verwandten besitzen ein Foto von ihm in Fallschirmjägerkluft – dies diente stets als Beweis dafür, dass Józef in der berühmten Anders-Armee gekämpft habe. Doch das Foto wurde in Ringway bei Truppenübungen aufgenommen, wie Mensing herausfand.

Auch nach dem Ende des Kriegs hatte Józef Kozlik keine »Heldengeschichten« vollbracht und zum Beispiel kein Lichtspielhaus besessen, wie er in einem Brief an seinen Sohn behauptet hat. Viel mehr als das Briefpapier der Firma hat es nie gegeben. Auch das Auseinanderbrechen der Familie hatte andere Gründe als vermutet. Natürlich, als Pole war Józef Kozlik nicht beliebt in Fürstenau.

An dieser Stelle erzählt Kolja Mensing ein sehr interessantes, fast unbekanntes Stück deutscher Geschichte: die polnische Besatzung des Emslandes. Das Emsland wurde den Polen von den britischen Besatzern übergeben. Polnische Soldaten erfüllten hier stellvertretend die Funktion von Besatzern. Die Briten waren bei ihrem Vormarsch in Niedersachsen auf Tausende Polen gestoßen, die in Arbeits- und anderen Lagern gefangen gehalten wurden. Um der vielen polnischen »displaced persons« Herr zu werden und ihre Rückführung zu organisieren, waren polnische Soldaten hilfreich. Als Marianne von Józef Kozlik ein Kind erwartete, wurde sie in Fürstenau als »Polenhure« beschimpft und gemieden. Auch die Schwiegereltern akzeptierten den jungen Polen nicht. Dennoch: Es lag nicht lediglich an der Polenfeindlichkeit der Deutschen, dass Józef Kozlik zurück in seine Heimat gegangen ist – und sich erst Jahrzehnte später bei Frau und Sohn wieder gemeldet hat. Er kriegte nichts gebacken, konnte die Familie nicht ernähren, vertrank das Geld.

Und auch in Polen gab es keine wundersame Verwandlung: Kozlik landete – wegen seiner Westkontakte verdächtig – mehrfach im Knast. War er nicht im Gefängnis, wohnte er bei seiner Mutter, schlief dort auf der Küchenbank. Zwischendurch war er mal ein halbes Jahr lang verheiratet. Schließlich konstatiert der ernüchterte Enkel des verklärten Mannes: »Józef Kozlik war ein Lügner, Säufer und Bankrotteur.«

Die Dramaturgie von »Die Legenden der Väter« entwickelt sich in den immer wieder überraschenden Volten der Aufdeckung dieser Legenden, die der Großvater über sich selbst in Umlauf brachte und die der Vater, als Kind, bereitwillig ausschmückte. Mensing selber schmückt jedoch auch einige Episoden aus den Leben von Vater und Großvater aus, die er so genau gar nicht kennen kann: Detailliert beschreibt er, wie Jósef Kozlik Mensings spätere Großmutter in Fürstenau kennenlernte.

Mensing ist sehr präzise im Erfinden: Er hat genau recherchiert, ob es eine bestimmte, in feines Papier eingewickelte Edelseife, von der er sich ausmalt, wie Józef Kozlik sie seiner Ange­beteten geschenkt hat, damals in Fürstenau gegeben hat. Man hat das Gefühl, dass Mensing den »Legenden« der Väter auch noch eine hinzufügen möchte.

Dieses Mitstricken an den Familienlegenden, die Überlegung, wie könnte es denn vielleicht – wirklich – gewesen sein, hat einen sympathischen Gestus: Der Leser merkt, der Enkel respektiert bei aller Aufklärungsarbeit die »Wahrheiten« von Vater und Großvater und kann bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, warum sie jeweils lügen, erfinden mussten. Aus Selbstschutz heraus in schwierigen Zeiten. Mensing erhebt sich nicht darüber, auch wenn er einige Unwahrheiten als das bezeichnet, was sie sind: eben Legenden. Ebenso stellt er indirekt klar, dass es die eine Wahrheit nicht gibt – Identitäten sind immer bis zu einem gewissen Grad Erfindungen, Zuschreibungen, Vermutungen.

»Die Legenden der Väter« ist ein Buch, das sich spannend wie ein Krimi liest und gleichzeitig psychologisch subtil ist. Es ist eine Familiengeschichte aus männlicher Perspektive über drei Generationen von Vätern (ironischerweise wurde der Autor unlängst selbst Vater eines Sohnes). Es ist ein Buch über Männer im Krieg, über Väter, die verschwinden, über die Sehnsucht ihrer Söhne nach ihnen – und über den Wunsch der Enkel, ein Stück »Wahrheit« über durch den Zweiten Weltkrieg verzerrte und entstellte Biographien innerhalb der eigenen Familie herauszufinden.

Kolja Mensing: Die Legenden der Väter. Aufbau-Verlag, Berlin 2011, 234 Seiten, 16,50 Euro

© Tanja Dückers, Juni 2012