Es muss nicht immer Altbau sein. Die Ausstellung “Radikal Modern” in der Berlinischen Galerie (Jungle World, September 2015)

veröffentlicht in Jungle World, September 2015

Auch ohne Stuck gibt es schöne Architektur: Die Ausstellung »Radikal Modern« beschäftigt sich mit der Stadtplanung im Berlin der sechziger Jahre in Ost und West.

Eine der derzeit interessantesten Ausstellungen in Berlin zeigt die Berlinische Galerie unter dem Titel »Radikal Modern. Planen und Bauen im Berlin der 1960 Jahre«. Die Ausstellung ist die erste eingehende Betrachtung der damals in Ost- und West-Berlin entwickelten Planungen und Bauten. Architektur und Städtebau der sechziger Jahre diesseits und jenseits der ehemaligen Mauer prägen bis heute das Stadtbild Berlins. In diese Dekade fielen in beiden Teilen der Stadt wichtige stadtplanerische Entscheidungen, und es entstanden zahlreiche, oft in ihrer ästhetischen und funktionalen Qualität unterschätzte und vernachlässigte Gebäude und Ensembles. Denn heute werden die Bauten aus dieser Zeit oft geringgeschätzt – in fast jedem Wohnungsgesuch steht »Altbau«. Am liebsten wohnt man nach wie vor in Häusern, die der Geist des Kaiserreichs hervorgebracht hat. Doch die Ausstellung lehrt, dass viele gute und interessante Bauten in der Moderne entstanden sind.

An Beispielen für Planung und Bebauung in Ost- und West-Berlin wie der ehemaligen Stalin­allee, dem Alexanderplatz, dem Breitscheidplatz mit Egon Eiermanns neu gestalteten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirchenkomplex oder dem Märkischen Viertel werden Fragen nach Zielsetzungen, Gemeinsamkeiten und Unterschieden gestellt. Politische, gesellschaftliche und bautechnische Visionen für den Aufbau der zerstörten und durch den Mauerbau gespaltenen Metropole zeigen sich hier in ausgewählten Entwürfen. Dem Besucher fällt auf, dass sich die ästhetischen Prämissen im Osten und Westen damals oft deutlich näher waren als die politischen. Im Westen setzte man auch auf enthierarchisierende, egalisierende Konzepte, was Wohn- und Funktionsbauten anbelangte. Doch während die Planer in der Bundesrepublik nur die weitgehende Normierung neu entstehender Architekturen verfolgten, ging man in der DDR noch einen Schritt weiter und entwickelte standardisierte Gebäudetypen mit festen Bausystemen. Über den Vergleich zwischen Ost- und West-Visionen hinaus wird in der Ausstellung der Frage nachgegangen, inwieweit die Entwürfe oder Realisierungen eine internationale Vernetzung einzelner Architekten erkennen lassen oder ob sich wegweisende Impulse des internationalen Baugeschehens auswirken konnten.

Gerade bei den nicht realisierten Arbeiten imponiert der Mut zum utopischen gesellschaftspolitischen Denken: So hat der aus dem ehemaligen Österreich-Ungarn stammende Architekt Josef Kaiser das beeindruckende »Großhügelhaus« konzipiert. Zwei jeweils einen Kilometer lange und 100 Meter hohe Dreieckshäuser stehen einander gegenüber, durch eine Terrassierung hat jeder Balkon ähnlich viel Licht. Die Häuser sollten 22 000 Menschen Wohnraum bieten. In der Mitte – so legen es die colorierten Entwürfe aus dem Jahr 1971 mit Mädchen in Miniröckchen oder Bikini im Lollipop-Look nahe (war der Osten jemals näher an Andy Warhol oder Roy Lichtenstein?) – befinden sich Swimmingpools, Wiesen, Bars zum Ausgehen und Flirten – eine schöne heile sozialistische Welt mit Miami-Beach-Touch.

Im Westen haben Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte das »Turmrestaurant Steglitz« für die Schlossstraße, mit integriertem U-Bahnhof, entworfen. Es sah sphärisch aus, wie aus drei fliegenden Untertassen zusammengesetzt. Dort würde man doch gern essen und tanzen gehen. Realisiert wurde dann von dem Architektenpaar an gleicher Stelle der »Bierpinsel«, der zumindest auch einen U-Bahnhofzugang hat. Das berühmteste realisierte Gebäude der beiden Architekten ist allerdings das ICC (Internationales Kongresszentrum), das uns heute wie ein in die Jahre gekommenes Raumschiff vorkommt.

Großartig war die Idee der »Rollenden Gehwege«: Der Planer und Architekt Georg Kohlmaier entwarf Ende der sechziger Jahre seine Vision einer autofreien Stadt. Ein straßenüberspannendes Netz aus Tuben oder Röhren mit elektrisch betriebenen, rollenden Gehsteigen sollte zur schnelleren Personenbeförderung beitragen. Schon damals, bei einem viel geringerem PKW-Aufkommen, empfand man den Stadtverkehr als überlastet.

Zum Glück wurde die Idee des aus Solothurn stammenden Fritz Haller, der eine »Totale Stadt« plante – ohne Scheu vor der Assoziation mit der Goebbels-Rede vom »totalen Krieg« in ebendieser Stadt – nicht realisiert. Ein radikal geometrischer Häuser- und Straßenplan, der landschaftliche Gegebenheiten wie Flüsse, Hügel oder Wälder ignoriert, hätte die Stadt unter sich begraben. Die alten Häuser sollten nach und nach, den Plänen der »totalen Stadt« entsprechend, vernichtet werden.

Nicht nur Visionäre, auch stadthistorisch Interessierte kommen in der Ausstellung auf ihre Kosten: Fotos zeigen den Alexanderplatz ohne Fernsehturm – kurz vor dessen Errichtung (1969). Man sieht das Alexanderhaus und das Berolina-Haus, denn diese Gebäude entstanden bereits in den frühen dreißiger Jahren und wurden von Peter Behrens geplant. Der Besucher kann auch die Errichtung der Gebäude entlang der Karl-Marx-Allee (früher: Stalinallee) verfolgen, die im Osten als wegweisend empfunden wurde, weil man hier vom Konzept der geschlossenen Blockstrukturen abwich und sich dem räumlichen Prinzip der offenen Bebauung – und somit auch internationalen Trends aus dem Westen – angeschlossen hatte.

Rund 300 Werke von rund 30 Architektinnen und Architekten (Walter Gropius, Josef Kaiser, Ursulina Schüler-Witte, Ludwig Leo, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Scharoun, Manfred Zumpe), von Planungsbüros, Fotografen und Künstlern wie Beate Gütschow oder Hendrik Krawen sind in der Ausstellung zu sehen.

Die Schau wird von einer Reihe sehenswerter Filme im Kinoraum abgerundet. Hier stehen sich konstrastreich Werbefilme mit Verherrlichungen von eher unbedeutenden Funktionsbauten und Filme wie Ulrich Conrads’ wütend-nostalgisches Epos »Die gemordete Stadt« (1964/65, nach einem Buch von Wolf Jobst Siedler) mit scharfer Kritik an der Abrisswut der damaligen Zeit und an modernistischer Vereinheitlichung, die als totalitär empfunden wurde, gegenüber.

Radikal Modern. Planen und Bauen im Berlin der 1960er Jahre, Berlinische Galerie. Bis 26. Oktober 2015


© Tanja Dückers, September 2015