Die zweckgerichtete Kindheit (NZZ, 22. Juni 2011)

Die zweckgerichtete Kindheit

Zumindest in unserem Teil der Welt werden die Menschen immer älter, doch die Kindheit verkürzt sich stetig. Dieses Paradoxon beschäftigt Pädagogen und Psychologen seit einiger Zeit. Zum Teil gibt es hierfür ernährungsphysiologische Ursachen – Mädchen bekommen heute durchschnittlich 2 Jahre früher als vor 100 Jahren ihre Regel – , die Entwicklung ist aber auch unserem Lebenswandel geschuldet, der Kinder so schnell wie möglich „fit“ für den Konkurrenzkampf in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt machen will. Infolge dessen wird die Kindheit immer weniger als Zeit der Muße und des zweckfreien Spiels begriffen. Nicht wenige Kitas bieten Frühenglisch und Chinesisch für Dreijährige an. Kaum ein Ratgeber verzichtet darauf, zu erläutern, welchen „Baustein“ in der Entwicklung des Kindes dieses oder jene Spiel bildet. Hier wird die Motorik geschult, dort das Gedächtnis, hier ein Kind sprachlich gefördert, dort musisch –  Spiel ohne Förderung, ohne Lerneinheit, scheint nicht mehr denkbar zu sein. Genuss um des Genuss willen, wird nicht mal mehr den Kleinsten vergönnt. Jede Spiel ist getarnter „Lernspaß“.

Nostalgie ist in Bezug auf Kindheiten in früheren Jahrzehnten sicher nicht angemessen, allein dem medizinischen Fortschritt ist es zu verdanken, dass im Jahr 2010 nur halb so viele Kinder am plötzlichen Säuglingstod gestorben sind wie noch vor 20 Jahren , aber die Freizeit der Kinder wird immer stärker von den Erwachsenen gestaltet und verplant. Wenn man Fotos von Kindern im urbanen Raum aus den 50er Jahren sieht, fällt einem nicht nur die Ärmlichkeit der Verhältnisse auf, sondern auch, wie wenig Autos in den Straßen fuhren. Auf alten Fotos sieht man fast immer eine Kinderhorde auf der Straße Ball spielen -  heute, wenn man nicht am Ende einer Sackgasse in einem Dorf wohnt, undenkbar. Spaziergänge und Entdeckungsreisen (die neben der „äußeren“ immer auch eine seelische Qualität haben) wie sie Hermann Hesse als Knabe beschrieben hat – undenkbar. Natürlich ist die durch den wachsenden Wohlstand entstandene Marktlücke – der fehlende Spiel-Raum – längst entdeckt worden. Statt echtem Lebensraum gibt es allerorts künstliche „Paradiese“: große, meist schreiend bunt eingerichtete „Indoor-Spielplätze“ oder bemüht „niedlich“ eingerichtete Eltern-Kind-Cafés. Die Mehrzahl dieser Orte ist geradezu krampfhaft auf „Kind“ getrimmt und hat – mit Verlaub – Zoo-Charakter. Nichts steht dort zufällig herum, überall wachen Eltern und Personal mit Argusaugen, alles ist umzäunt. Unser knapp zweijähriger Sohn tobt gern auf Spielplätzen herum, doch oft steht er an den Gittertürchen und rüttelt mit einer Inbrunst an den Stäben, die mich beklommen macht. Er hat doch alles hier: Rutsche, Schaukel, Sandkasten, Wippe, Trampolin, und noch dazu eine ganze Bande kleiner Freunde… Kaum setze ich mich im Eltern-Kind-Café an einen Tisch und schlage die Zeitung auf, hat mein Sohn kein Interesse mehr an (den Farbsinn schulenden) Bauklötzen in den ewigen Primärfarben und (die Feinmotorik trainierenden) Sortierkästen: Er klettert zu mir und will auch „Zeitung lesen“. Ein Ei aufschlagen. Und mit der großen Gabel essen. Und natürlich mein Handy an sein Ohr halten. Kinder wollen groß, erwachsen werden – aber auf ihre Weise und nicht in den perfekt aufeinanderfolgenden Schritten, die Erwachsene in ihrer Vorstellung davon, wie Kinder ihrer Meinung nach sind, vorgeben. Die süßen Spielwelten sind für Kinder, aber nicht von ihnen gemacht, sie suggerieren nur eine Pseudo-Freiheit und Leichtigkeit. Nicht einmal der allererste Spielwürfel meines Sohnes kam ohne den Hinweis aus, dass die „fröhlichen Farben“ ein perfektes Training für diverse Sinnesorgane sind. Die künstlichen Spielwelten (sowie auch Kinderkaufhäuser) spiegeln die Projekten von Erwachsenen von einer idealen, prinzen- oder prinzessinnenhafte Kindheit als dass sie wirklich mit den Wünschen und Bedürfnissen von Kindern korrelieren. Eine Freundin berichtete letztens, wie ihr Sohn beim Einkaufen zu ihr sagte: „Nicht schon wieder neue Klamotten kaufen, ich habe doch schon so viele …“.

Während Eltern einerseits versuchen, aus Kinderräumen Wellness-Refugien zu kreieren, sind sie andererseits in heller Unruhe, so bald ihr Kind ansatzweise aus dieser Primärfarben-Ordnung ausbricht: In Deutschland gilt jedes vierte bis fünfte Kind als verhaltensauffällig, 40 % der Schulkinder benötigen Nachhilfe- oder Förderunterricht. Sicher ist es auch als Fortschritt zu bewerten, dass Legasthenie oder algorhythmische Schwächen heute zuverlässiger erkannt und behandelt werden können, aber die Pathologisierung einer großen Zahl von Kindern, weil sie von Experten aufgestellten, letztendlich willkürlichen Normwerten nicht entsprechen, ist bedenklich und spricht vom Überehrgeiz verängstigter Eltern – und vom Machbarkeitswahn von Ärzten. Den fröhlichen Wellness-Oasen-Kindheiten mit Captain Blaubär und Prinzessin Lillifee gibt dies eine erschreckende Note. Früher waren Lernen/Schule und Freizeit für Kinder klar getrennte Sphären – so wie es im Arbeitsleben noch hieß: „Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps“, heute haben sich diese Grenzen aufgelöst. Der Einzug des neoliberalen Arbeitsmodells in die Kinderstube mit dem Anspruch, das Kinder ständig etwas „Sinnvolles“ tun müssen, hat sich ebenso verführerisch vollzogen wie ins Erwerbsleben der Erwachsenen: Flache Hierarchien, mit dem Chef gleich auf Du, individuell gestaltete Büroräume, Arbeiten auch von zuhause aus (was am Ende gar keine Freizeit mehr bedeutet), größtmögliche „Flexibiliät“, all diese „Errungenschaften“, die die „Neue Nettigkeit“ gegenüber dem alten autoritären Modell verspricht, führen, wie unter anderem die stark gestiegene Zahl von Burnout-Fällen belegt, mitnichten zu größerer Zufriedenheit am Arbeitsplatz – oder im Kinderzimmer – als früher. Tatsächlich hat der Druck nämlich zugenommen.

© Tanja Dückers, Berlin, im Mai 2011