Die Wege von Willy und Willi. Fotoausstellung von Wiebke Loebe

veröffentlicht in Jungle World, Januar 2002

Die Fotografin Wiebke Loeper fängt das Leben ihres Großvaters in Wismar und ihres Onkels in Amerika ein.

Die Ausstellung »Hello from Bloomer, Viele Grüße aus Wismar« von Wiebke Loeper ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Die 1972 in Ostberlin geborene Fotografin präsentiert nicht eine beliebige Auswahl neuer Arbeiten, sondern ein Gesamtkunstwerk aus Fotos und Texten. Und das ist hochinteressant.

Der Großvater der Künstlerin, Willi Rux, sowie dessen Cousin Willy Boese stammen aus Pommern. Die Höfe in Eschenriege und in Klingbeck liegen nicht weit auseinander. Als die beiden Willis sechzehn Jahre alt sind, erlernen sie in Stettin den Beruf des Fleischers und verlassen bald darauf Pommern. Während der Weltwirtschaftskrise geht Willy nach Amerika, Willi flüchtet während des Krieges in das Gebiet, das später zur DDR gehört.

Wiebke Loeper, die in Leipzig studierte und noch sehr jung den Aenne-Biermann-Preis für Deutsche Gegenwartsfotografie erhielt, machte sich im Oktober 2000 mit einem DAAD-Stipendium auf die Spurensuche nach ihrem Onkel in den USA, zurück kam sie mit der einen Hälfte der nun ausgestellten Bilder. Willy betrieb auch in der neuen Heimat wieder ein Fleisch- und Wurstwarengeschäft. Die anderen Fotos dokumentieren Ausschnitte aus Willis Leben in Wismar; er arbeitete dort in einer Konsumfleischerei.

Wer nun allerdings erwartet, Bilder der beiden vor ihren Häusern oder von Frau und Hund flankiert zu sehen, täuscht sich. Ein wehender Vorhang, eine Kissenecke, ein geschlachtetes, halb enthäutetes Tier, ein Parkplatz, eine Gartenschaukel, eine Serie gerahmter Kinderbilder im Treppenaufgang – es sind Indizien dieser Art, die Wiebke Loeper einfängt, um jenseits eines reinen Dokumentarismus die psychologische Tiefe in ihren unangestrengten Porträts sichtbar zu machen. Gerade in ihrer scheinbaren Zufälligkeit vermitteln die Momentaufnahmen aus dem Leben der Familien mehr über ihr Selbstverständnis, ihr Verhältnis zu ihrer Vergangenheit und Herkunft, über ihre Wünsche oder Ängste in Bezug auf die Zukunft, als visuell eingefangene »harte Fakten« und Chronologiezwang es untermauern könnten.

Der Betrachter stößt auf verblüffende Gemeinsamkeiten im Wisconsiner und im Wismarer Haushalt – und dann wieder auf zeit- und landestypische Unterschiede: ein Chevrolet im Schnee, drei Kacheln mit dem Motiv eines Hotdogs bei den Ausgewanderten, »Konsum«-Haarklammern bei den Angestellten in der Wismarer Fleischerei. Und was bei den Amerikanern »We make our own sausage« heißt, nennt sich in der DDR: »Das Kollektiv der Vst. 132 verpflichtet sich zum 10. Jahrestag der DDR …« – auf einem Schild hinter den Waren zu lesen.

Neben manchen Fotos sind DIN A4-Bögen mit Zitaten verschiedener Familienmitglieder zu finden. Auch diese, in ihrer Tonlage variierenden, mal alltäglich-saloppen, mal poetischen Texte beantworten nicht alle Fragen, die der Betrachter, der Fremde an beide Familien richten könnte. Es sind Gesprächsaufzeichnungen wie diese:

»Elfriede sagte immer, ‘gut, dass der Krieg kam, sonst hätt ich nach Pommern gemusst! Da war es ja so furchtbar dunkel!’

Willi sagte dann, ‘ha, da hätt’ ich dich sowieso nicht geheirat’, sondern die Gudrun, die verstand ja was vom Hof.’«

Eine tagebuchartige Notiz über den ersten Gebrauch amerikanischer Lebensmittelfarben fürs Plätzchenbacken in den USA oder die Geschichte vom Fohlen, das plötzlich in einer Schneewehe verschwand und den Schlitten wie von Geistern gezogen erscheinen ließ, geben wie nebenbei fallen gelassene Sätze unaufdringlich Einblick in das Lebensgefühl der beiden Willis. Und manchmal finden sich ganz unvermutet – wie auf der »Ladiesparty« in Bloomer – Gesprächsfetzen, die über das gegenwärtige Ambiente hinausweisen:

»Gespräch mit Brenda auf der Ladiesparty, sie ist ebenfalls Fleischerstochter:

B: Wir haben nicht mehr das Geschick, in einer nichttechnisierten Welt zu überleben.

B: Wir verlieren jeglichen Bezug zu den Dingen, die wir essen, die uns kleiden, selbst zu unseren Kindern, die wir gebären, weil wir sie weggeben, wenn sie krank sind und selbst am Tage, wenn sie lernen.

B: Wir gehen arbeiten, um unsere Wäsche weggeben zu können, essen gehen zu können, andere Leute unsere Häuser bauen und saubermachen zu lassen.

B: Wir können nicht alles haben.«

Die hier zum Ausdruck gebrachte melancholisch gefärbte Distanz zum Beruf und zur Leistungsgesellschaft, der der Emigrant Willy in besonderem Maß ausgeliefert war, spiegelt sich auch in einigen Bildern. Brendas kurzem eindringlichen Monolog ist ein wirrer Haufen von Wurstwaren gegenübergestellt, die in einem fahlen Dämmerlicht ekelerregend glänzen. Willy selbst sprach in der neuen Heimat nicht über seine Vergangenheit. Der Kontakt zwischen den beiden Willis lief ausschließlich über Willys Frau Marie, die beiden Männer schrieben sich keine einzige Zeile. Willys Sohn John und dessen Töchter mit den schönen Namen Bonnie und Barbie Boese sprechen kein Wort Deutsch. Sie alle können die Briefe aus Wismar und die Rezeptbücher ihrer Großmutter nicht mehr lesen. Sie sind in Amerika angekommen.

Wie das Leben selbst, nicht linear und von Zufällen bestimmt, fängt Wiebke Loeper hier Momentaufnahmen und Randständiges ein – ohne den autoritären Anspruch geltend zu machen, ein Künstler müsse das Leben eines anderen Menschen in seinem Werk in ein lückenloses Gesamtbild transformieren, und ohne die beiden Biografien in irgendeiner Form zu bewerten.

Zur Ausstellung ist soeben das begleitende Buch »Hello from Bloomer, Viele Grüße aus Wismar« in der edition j.j.heckenhauer erschienen, es ist eine sehr schöne farbige Hardcover-Ausgabe. Der Verlag, 1823 in Tübingen gegründet, hat ein Faible für historisch orientierte Fotografie: »Heldenfriedhof – Eine kurze Geschichte aus dem Leben des Josef B.« von Jörg Herold oder Jens Liebchens Albanien-Buch »DL 07 stereotypes of war« sind repräsentative Titel aus dem Programm. Wiebke Loepers Buch enthält viele Fotos, die in der Ausstellung nicht zu sehen sind, die gleichsam einen Einblick in die Recherche der Künstlerin geben. Texte von Richard Sennett werden mit Äußerungen der Familienmitglieder über ihre Tätigkeiten im Fleischereiwesen in Bezug gesetzt. Eine CD rundet das Gesamtkunstwerk ab. Nicht ganz billig, aber ungewöhnlich (und) gut.

»Hello from Bloomer, Viele Grüße aus Wismar«,

Photography now, Invalidenstraße 115, Berlin. Bis 19. Januar 2001. Weitere Stationen sind Tübingen, München, Köln und Schwerin.

Wiebke Loeper: Hello from Bloomer, Viele Grüße aus Wismar. edition j.j.heckenhauer, Berlin/Tübingen 2001, 34,90 Euro

© Tanja Dückers, Januar 2002