Der politische Heinrich Böll (Goethe.de, Mai 2015)

veröffentlicht auf Goethe.de, Mai 2015

Bald ist es dreißig Jahre lang her, dass einer der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller auf der literarischen Bühne fehlt:  Heinrich Böll. 1917 in Köln geboren, gehört Böll zur Generation der Kriegsteilnehmer, „Stunde Null“- und Gruppe 47-Schriftsteller, Achtundsechziger, Vietnam- und Atomkriegsgegner, Obrigkeitskritiker und Pazifisten. 1985 stirbt er an einem Gefäßleiden. Kaum ein deutschsprachiger Schriftsteller hat zu seinen Lebzeiten so viel Anerkennung erhalten wie Heinrich Böll. 1972 wurde der Kölner Schriftsteller mit dem Nobelpreis geehrt. Sein größter Erfolg, die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974), verkauft sich allein in Deutschland sechs Millionen Mal. Dreizehn Werke von Böll werden verfilmt. Immer wieder ist es Böll gelungen, in der Luft liegende Themen aufzufangen und literarisch zu filtern. Und fast alle Sujets aus Bölls Werk haben heute noch eine beinahe unheimliche Aktualität: So beschreibt Böll in die „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ die Verfolgung einer jungen Frau durch die Medien. Die Gnadenlosigkeit der  sensationslüsternen Medien lässt die Protagonistin schließlich zu einer Verzweiflungstat schreiten. „Die ZEITUNG“, wie Böll sein fiktives, wenngleich an BILD erinnerndes Boulevardblatt nannte, wäre heute wohl ein digitales Medium, vielleicht Facebook.

Mit einem ausufernden Netz an Sicherheitsvorkehrungen und Überwachungsmaßnahmen „zu Ihrem Besten“ setzt sich Böll in seinem Roman „Fürsorgliche Belagerung“ (1979) auseinander. Damals bot die um sich greifende RAF-Terror-Hysterie Anlass für diesen Stoff. In „Fürsorgliche Belagerung“ rätselt der Vater, ein erfolgreicher Zeitungsverleger und Verbandspräsident, ob nicht sein eigener Sohn terroristischen Umtrieben anheim gefallen sei. Dass dieser nach dem Tod des RAF-Terroristen Holger Meins (1974) seinem Sohn den Vornamen Holger gegeben hat, macht ihn in der Nachbarschaft höchst verdächtig. Ein beklemmendes, hochaktuelles Buch, das die versuchte Zerstörung einer Familie durch „staatliche Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen“ beschreibt. Der Autor wusste wovon er sprach: Der Schriftsteller wurde von der Polizei observiert, musste Hausdurchsuchungen erdulden und war einer Verleumdungskampagne ausgesetzt. Es gab Menschen, die „Kopf ab!“ für Böll forderten. Böll, der sich immer von den Methoden und Zielen der RAF deutlich distanziert hatte, wurde bis in den Bundestag hinein zum ideologischen Helfershelfer der Terroristen erklärt. Nur Brandt und einige wenige Mitglieder der SPD und der FDP verteidigten Böll.

Bölls großes literarisches Thema ist natürlich der Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit: Romane wie „Und sagte kein einziges Wort“, „Haus ohne Hüter“ und „Billard um halb zehn“ aus den 50er Jahren beschäftigen sich der damals noch sehr zaghaften Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Bekanntlich haben die Alliierten daran mitgewirkt, dass einige NS-Täter straffrei ausgingen: Es bestand ein Interesse der Westmächte daran, Deutschland so schnell wie möglich wirtschaftlich wieder auf die Beine zu stellen. Nicht selten wurde die Moral hintangestellt, wenn es darum ging, verdiente Naturwissenschaftler und Techniker sowie Juristen für den neuen Staat zu rekrutieren. Böll, aus einem sehr katholischen, wertefundierten Haushalt stammend, stand dem NS-Regime von Anfang an kritisch gegenüber, nicht erst nach Stalingrad oder dem Einmarsch der Amerikaner.

Anders als der zehn Jahre jüngere Günter Grass ist Böll zu Zeiten der militärischen Erfolge des Dritten Reichs weder hitler- noch kriegsbegeistert.  Während Grass sich freiwillig zur Waffen-SS meldete, versucht Böll, dem Krieg zu entgehen. Den ganzen Krieg über unternimmt Böll alles, um dem Dienst zu entkommen. Zunächst schreibt er Freistellungsgesuche, um studieren zu können, später zieht er sich künstlich Krankheiten zu oder fälscht Urlaubsscheine. Viermal wird er verwundet.

Kaum eine Autor informiert so gut wie Böll über die bundesrepublikanische Nachkriegswirklichkeit, über den Ausgang und Ausklang des Kriegs, das Elend und die Hoffnungen der Nachkriegszeit bis in die bewegten und konfliktträchtigen Sechziger und Siebziger Jahre hinein. Typisch für ihn ist, nicht die großen Täter oder Helden zu studieren, sondern das Leben „einfacher Leute“ unter die Lupe zu nehmen. Der Zweite Weltkrieg, der Holocaust und die Frage nach dem Umgang mit Tätern (wie einige Gerichtsverhandlungen mit Hochbetagten zeigen) sind heute medial präsenter denn je. Die sogenannte „Enkelgeneration“ und nun auch die Urenkelgeneration interessieren sich lebhaft für die deutsche Vergangenheit zwischen Hitlerbegeisterung und Trümmerlandschaft; für die Schicksale ihrer Angehörigen in dieser Zeit. Bölls ergreifende, farbige Romane über Familien, durch die sich die Trennlinie von Nazibegeisterten und Nazikritikern zieht, lesen sich kenntnisreicher und besser als viele der zahlreichen Bücher, die in den letzten Dekaden dazu veröffentlicht wurden.

Aber Böll hat nicht durch seine Literatur politisch gewirkt: Er war auch ein politisch aktiver Schriftsteller und Zeitgenosse, im Sinne des aufgeklärten, verantwortungsbewussten Citoyens. Bölls Engagement für Brandt und dessen Ostpolitik, sein Eintreten für verfolgte Schriftsteller (er nahm Alexander Solschenizyn, den sowjetischen Dissidenten, eine Zeitlang bei sich auf), und für einen menschenwürdigen Umgang mit Terroristen (er war z.B. gegen die Todesstrafe) war in aller Munde. Ärger handelte er sich damit ein, sich nicht parteilich zu binden. Böll stand Brandt nahe, aber er war, anders als Grass, nicht Mitglied der SPD. Es ist von ihm überliefert, gesagt zu haben, Brandt sei eine singuläre Erscheinung gewesen. Er bezog zwar zu konkreten politischen Fragen wie zur Ostpolitik Stellung, wollte sich aber von niemandem vereinnahmen lassen, um als Schriftsteller und Intellektueller seine geistige Unabhängigkeit zu bewahren.

In den letzten Jahrzehnten wurde Bölls gesellschafts- und umweltpolitisches Engagement oft belächelt. Es gab Schriftsteller und Literaturkritiker, die meinten, dies würde einem wahren Künstler nicht gut stehen – er wurde als naiver Gutmensch dargestellt. Doch der Wind hat sich spätestens in den letzten ein, zwei Jahre, mit dem Aufflammen vieler neuer Konfliktherde, auch innerhalb und vor den Grenzen Europas wieder gedreht. Bölls Engagement gilt nicht mehr als „gestrig“, sondern als vorbildlich. Begriffe wie „Klimaschutz“ und „CO2-Bilanz“, von Böll vorweggenommen, sind in aller Munde. Viele junge Schriftsteller und Künstler äußern sich nun wieder zu politischen Ereignissen, Kunstmessen ohne „Gesellschaftskritik“ sieht man nicht mehr. Aber die politischen Botschaften sind meistens auf kleinste Bereiche heruntergebrochen: Hier tritt ein Künstler für sauberes Wasser ein, dort einer für die frei lebenden Wölfe in Sachsen. Natürlich hat diese politische Diversifikation viele Ursachen. Aber es fällt auf, dass Schriftsteller heutzutage meistens keine großen Visionen mehr haben, keine Ideen, die über die freie Nutzung des ehemaligen Tempelhofer Flughafengeländes hinausgehen. Man ist nüchterner, realistischer geworden, kämpft eher um den Erhalt des eigenen Kiezes als für andere Herrschaftsformen in einer höchst unübersichtlich gewordenen, globalisierten Welt mit ungreifbaren Akteuren. Nach erschütternden Ereignissen wie den rassistisch motivierten Serienmorden des NSU oder den Tausenden Ertrunkenen vor den Küsten Europas, hört man selten einen kompetenten Autor hierzu sprechen. Böll jedoch war ein Universalgelehrter, Universaldenker, der, da noch nicht der postmodernen Dauerverpflichtung zu Ironie, Gleichgültigkeit und neobiedermeierlichen Privatismus heimgefallen war. Medienvertreter und Politiker griff er an, benannte undemokratische Zustände, analysierte die deutsche Gesellschaft fragte nach. Nie mit Verachtung oder Besserwisserei, immer mit einem Grundverständnis für die Menschen. Nicht mit dem einem aus dieser Generation hinlänglich vertrauen Welterklärergestus; mehr an der Sache als an der Selbstdarstellung interessiert. Solch eine öffentliche Figur gibt es heute nicht mehr. Böll war einer der wenigen großen Denker Deutschlands, der sich selber nicht wichtig nahm: Berühmt ist folgende Anekdote von ihm: Da ihm die Honorare aus Buchveröffentlichungen in den kargen Fünfziger Jahren noch nicht zum Leben reichen, bewirbt er sich für verschiedene „Brotjobs“: „Meiner Familie gegenüber kann ich jedenfalls eine andere Lebensweise nicht länger verantworten”, so der passionierte Schriftsteller an seinen Lektor, „obwohl ich manchmal glaube, eine Aufgabe zu haben, so ist mir die Literatur doch im Grunde genommen keine unglückliche Stunde meiner Frau oder meiner Kinder wert.“ Diese Haltung ist unter männlichen „Großschriftstellern“ bis heute eine Seltenheit.

Klaus Staeck, der bekannte Schöpfer kritisch-politischer Plakatkunst sowie langjährige Leiter der Akademie der Künste in Berlin, schrieb anlässlich von Heinrich Bölls 25. Todestag vor fünf Jahren: „In einigen Nachrufen klang (…) an, dass jemand wie Böll heute doch irgendwie fehle.“

Daran hat sich nichts geändert.

© Tanja Dückers, April / Mai 2015