Der längste Tag des Jahres

Roman
Aufbau Verlag, Berlin 2006

Klappentext: Der längste Tag des Jahres

Am 21. Juni, dem längsten Tag des Jahres, reißt das Läuten des Telefons vier Geschwister aus ihrem Alltag: Gerade ist ihr Vater, das “Zentralgestirn” der Familie, gestorben. Was die Todesnachricht bei den Geschwistern auslöst, fügt sich subtil zu einem scharfsinnigen Familienporträt.
Ganz überraschend kommt der Tod des Vaters nicht. Seit er seine Zoohandlung wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten schließen mußte, schien er jeden Lebensantrieb verloren zu haben. Als typischer Vertreter der Nachkriegsgeneration hatte er jahrzehntelang all seine Energie daran gesetzt, das Geschäft auf- und auszubauen. Ja, mehr noch, die Wüstentiere, die er verkaufte, waren die Verkörperung seiner romantischen Sehnsucht nach Exotik.
Allein die älteste Tochter teilt diese wirklichkeitsferne Wüstenleidenschaft – von Dückers “The German Weltflucht” genannt – , die schuld daran war, daß der Vater seine Kinder weniger wahrnahm als die Warane im Terrarium. Der jüngste Sohn hat der Familie den Rücken gekehrt und ist nicht zu erreichen. Die anderen vier ahnen nicht, daß er die ungelebten Träume seines Vaters auf eigenwillige Art wahrgemacht hat. Unter dem Eindruck der Todesnachricht erkennen die längst erwachsenen Kinder auch den eigenen Lebensweg in unerbittlicher Schärfe.

Leseprobe: “Der längste Tag des Jahres”

Ausschnitt aus dem 5. Kapitel „Die Wüste“

Über die Flügel der alten Delta-Maschine wehte roter Sand. Das Fahrgestell war tief in den Boden eingesunken. Hier und da lag ein verrosteter Rumpf, eine öl- und staubverdreckte Heckflosse oder ein verbogener Propeller.
Thomas blickte von seinem „Hausberg“ auf neunzehn ausrangierte Maschinen. Eine weiße Vogel-Karawanserei, leuchtendes Licht spiegelte sich auf ihren Flügeln. Neben Thomas hockte Sami mit einem Fernglas in den Händen. „Meinen Wüstensohn“ nannte Thomas ihn. Sami trug schulterlange, von der Sonne ausgeblichene Haare und zerrissene Jeans, die knapp über seinen schmalen Hüften von einem schmierigen Ledergürtel zusammengehalten wurden. Er war erst sieben.
Am Horizont erhob sich die glänzende Pyramide mit den Stufen, die ins Nichts führten. Thomas hatte immer gedacht, die Wüste sei riesig, größer wäre nur das Meer oder das Universum. Wenn er jetzt die Augen zusammenkniff, konnte er Chantal mit ihrem Liebhaber auf den Stufen sitzen sehen. Es waren nur zwei schwarze Punkte, aber er wußte, daß sie es waren. Vor einer halben Stunde erst war er mit dem Jeep dort gewesen, um nach dem Rechten zu sehen. Die beiden hatten in weißen leichten Wüstenkimonos mit ihren identischen runden Sonnenbrillen dagesessen und ihn von oben herab wie zwei geisterhafte Eulen betrachtet. Mit einer matten Bewegung aus dem Handgelenk heraus hatte Chantal ein Winken angedeutet.
Thomas drehte sich ruckartig um. Wer oder was schlich da um seinen Wohnwagen herum – ein Köter? Irgendein ausgemergeltes Tier huschte flink unter den nächsten Trailer. Tieren begegnete Thomas hier kaum, bis auf die streunenden Hunde. Weder Geckos, noch Salamander, Lurche oder Chamäleons – manchmal schien es ihm, als würden all diese Tiere nur in den Terrarien seines Vaters existieren. Nicht einmal Mücken gab es. Dafür war das Klima zu trocken. Manchmal fand er skelettierte Koyoten, Ratten und Schlangen – im Gebiet um das Air Force Lab auch die sterblichen Überreste von radioaktiv verseuchten Versuchstieren. Hinter Twentynine Palms hatte er einmal ein halb ausgeweidetes Rind gefunden und bei Cameron in den Bergen das Gerippe irgendeines Tiers, das groß wie ein Hirsch war. Er hatte keine Ahnung gehabt, was das gewesen war.
Thomas ließ sich von Sami das Fernglas geben. Die beiden schwarzen Punkte waren zu einem einzigen Fleck verschmolzen, als wäre aus zwei Menschen plötzlich einer geworden. Das ließ viel Raum für Phantasie, für quälende Gedanken.
Sami hielt Thomas jetzt seinen Arm unter die Nase. „Tut weh, Papa.“
„Junge, ich hab dir doch gesagt, du mußt was Langärmeliges tragen. Sonst kriegst du immer wieder einen Sonnenbrand. Bei über 40 Grad hilft auch der Sunblocker nicht mehr.“
Thomas pustete erst einige Male auf Samis schmalen Arm, dann holte er eine kühlende Creme aus dem Wohnwagen und rieb ihn vorsichtig damit ein.
„Und jetzt ein Hemd anziehen, komm.“
Sami nickte und nahm die Creme gleich mit in den Wohnwagen. Wenn er weiter so wuchs, würde er in wenigen Jahren die Sachen von Thomas tragen können. Was wohl mal aus ihm werden würde, seinem Wüstensohn? Er war so anders als andere Kinder, schien gar kein Bedürfnis nach Freunden und Spielen zu haben; am liebsten saß er allein mit dem Feldstecher da und beobachtete jede Bewegung, jede Veränderung in der Ferne – selbst wenn sie noch so minimal war.
„Sind das Mama und Angus da hinten, Papa?“
„Ich weiß es nicht.“
Thomas’ Blick wanderte rastlos von diesem roten Hügel zu jenem weißen Wohnwagen und zurück zur Hügelkette und dem Flugzeugfriedhof, doch er blieb stets an der Pyramide hängen. Ihre verspiegelte Oberfläche reflektierte das Sonnenlicht so stark, daß ihm die Augen schmerzten.
Abrupt wandte Thomas sich ab und blickte auf die dunkle Schar von Sukkulenten, die wie eine unheimliche Soldateska um die Wohnwagensiedlung herumstanden und von Jahr zu Jahr näherzurücken schienen. Sie wuchsen unglaublich schnell – egal, ob es geregnet hatte oder nicht. Manchmal schien es Thomas, als bräuchten sie nur die Leere zum Leben.
(…)
Thomas warf Sand auf einen der Flugzeugflügel. Er holte immer wieder aus und wollte gar nicht mehr aufhören. Die Lust, die er empfand, wenn er den Sand mit aller Kraft auf die stumpfen weißen Flächen schleuderte: so eindeutig Handlung und Resultat. Er konnte zusehen, wie der rote Staub langsam von dem Flügel hinabrann – als wäre dies alles Teil einer riesigen Sanduhr, die eine Zeit maß, deren Bedeutung er noch nicht kannte. Irgend etwas an diesem Rieseln machte ihn wütend – als hätte der Sand, sein Sand!, nur ihm zu gehorchen und nicht auch noch der Schwerkraft. Es war ihm nicht leichtgefallen, wegzugehen, damals. Er warf wieder eine Handvoll Sand. Er war keineswegs im Affekt gegangen, sondern hatte nur den richtigen Moment gesucht. Scheiße, danebengetroffen. Geschmerzt hatte ihn damals vor allem der Gedanke an seine Mutter. Jeden Morgen, wenn er vorm Spiegel stand, fand er sie in seinen Zügen wieder. Er hatte ihr rundes Gesicht, die semmelblonden Haare und die graugrünen Augen geerbt. Mutters graugrüne Augen – in denen so oft neben der Schüchternheit der Schalk stand. Sie hatte im Gegensatz zu seinem Vater viel Humor. Als die Weißkopfwarane nachts aus ihrem Terrarium ausgebrochen waren und am nächsten Morgen auf dem Fernseher, dem Beistelltisch, dem Sofa und sogar in der Obstschale saßen, hatte Mutter gelacht und erst einmal alle Kinder herbeigerufen; Vater hatte nur geflucht. Schließlich war es Mutter, die – mit Thomas’ Hilfe – die Warane wieder einfing; Vater stand nur wie versteinert dabei, ohne etwas zu tun.
Thomas ließ den heißen roten Sand langsam durch die Finger rinnen. Er mochte dieses kribbelnde Gefühl. Er schob beide Arme bis zu den Ellenbogen in den Boden, dann zog er sie heraus und ließ den Sand wieder durch seine Finger rinnen. Vor zwei Jahren hatten sie noch jeden Tag am Swimmingpool ihres hellblau-weißen Holzhäuschens in Twentynine Palms gesessen. Als Ingenieur hatte er ganz anständig verdient. Wer wollte sich schon bei 45 Grad im Schatten täglich krummbuckeln? Er hatte sich konsequent langärmelige Leinenshirts angezogen und mit Sunblocker eingeschmiert – und er hatte wirklich Schotter gemacht. Hatte einfach nur Maschinen in die Wüste gebracht. So erklärte er das jedenfalls Sami.
Er hätte ein Haus kaufen können, nicht nur mieten, dann würden sie jetzt nicht in einem Motor Home hocken. Er hätte Sami eine bessere Schule bezahlen können. Er hätte Chantal den Indianerschmuck kaufen können, von dem sie immer träumte. Er hätte mehrere Reisen nach Deutschland finanzieren können. Hätte er. Statt dessen hatte er all sein Geld den Sun People gegeben.
Thomas zündete sich eine Zigarette an. Der Rauch tat ihm gut, dieser plötzliche Anflug von Ärger hatte ihn selber überrascht. Langsam entspannte er sich. Jetzt war auch der Fleck auf der Pyramide verschwunden. Am Horizont entdeckte Thomas jedoch einen silbernen Truck mit wehender – silberner – Fahne. Diesen Angus konnte man einfach nie übersehen.
Sami kauerte sich neben ihn.
„Guck mal, da hinten kommt ein Zug!“
Thomas legte seinen Arm um ihn. Dann schoben sie ihre Gesichter dicht an das Fernglas. Tatsächlich, von Osten näherte sich eine Lok mit schwarzen, dunkelgrünen und rostroten Waggons. Auf einem Waggon stand „Santa Fe Express“. Auf einem anderen „Albuquerque 2003“ und „Borax Mine L. A. X. II.“. Aufgeregt las Sami alle Aufschriften vor.
Thomas schaute den bunten Waggons hinterher, bis sie am Horizont zu einem einzigen Braun verschmolzen. Wie ein langer Wurm schien der Zug über den Tellerrand der Erde zu kriechen. Irgendwann war er nur noch ein zitternder Punkt in der Ferne, und dann – fort.
So genau Thomas die Geschichte mit Chantal rekapitulieren konnte, so wenig faßbar war für ihn der eigentliche Grund seines Verschwindens. Er wußte nicht, warum er weggegangen war. Es wäre schön gewesen, eine griffige Formel dafür zu haben. Chantal hatte er diese Abenteuer-Liebes-Nummer vorgemacht: Wir zwei gegen den Rest der Welt. Ihr wollt uns nicht, und wir wollen euch nicht! Und dann ihre Weltreise, ihr Sex in Schiffskabinen, auf Hoteldächern und in Lagunen. Und in genau dieser alten Delta-Air-Maschine hier vor ihm. Vor fünf Jahren. Sami war noch klein, sie hatten ihn ins Cockpit gesetzt, wo er begeistert an allen möglichen Knöpfen drehte, während Chantal im Laderaum auf Thomas saß und so laut stöhnte, daß er ihr den Mund zuhalten mußte.
Thomas steckte sich wieder eine Zigarette an, und Sami nahm einen Zug. Immer nur einen oder zwei, das war ihre Abmachung. Manchmal dachte Thomas darüber nach, wie Samis Leben wohl aussähe, wenn er in Bayern aufwachsen würde. Vielleicht säße er jetzt bei seinen Großeltern im Garten am Goldfischteich oder schaute in einem der vielen dunklen Zimmer den Echsen beim Atmen zu?
Alles, was Thomas wußte, war, daß er Orte wie diese Wohnwagenkolonie am Flugzeugfriedhof mit den Joshua Trees und den wie Unkraut wuchernden Sukkulenten hatte finden wollen. Und er hatte viele davon entdeckt. Er schloß die Augen und dachte an den Salton Sea, der einst ein Holiday-Resort für Wohlhabende war. Mittlerweile war der See vollkommen versalzen, vermüllt und vergiftet. An seinen Ufern wohnten nur noch Motor Home-Bewohner, und das, was einmal Salton City werden sollte, wurde nun Bombay Beach genannt. Nirgendwo hatte Thomas so viele tote Fische am Ufer liegen sehen. Oder die riesigen leeren Flächen mit den staubigen Pisten von Honda und Toyota. Die beiden Autohersteller hatten große Gebiete in den USA gekauft, die sie als Motor Proving Grounds benutzten. Entweder war es dort totenstill oder jemand raste wie ein Berserker die ovalen Bahnen entlang. Ein Normalmaß an Geschwindigkeit, zwischen Stillstand und Wahnsinn, gab es dort nicht. Diesen Motor Proving Grounds verblüffend ähnlich sah ein Stück Land Art von Michael Heizer, der mehrere Bahnen mit dem Auto in den Boden gefahren hatte – beim ersten Besuch hatte Thomas das Kunstwerk prompt für die Toyota-Anlage gehalten.
Ebenso zufällig hatte er das Abandoned Photovoltaic Array entdeckt, eine stillgelegte Anlage zur Solarenergiegewinnung. Auf einer weiten Ebene lagen Tausende halb demontierter Solar-Module wie umgeknickte Pilze oder zerstörtes Spielzeug von Riesen. Ihre trostlosen Reihen nahmen einfach kein Ende.
Nicht weniger gespenstisch war die funktionstüchtige Anlage Solar Two Experimental Solar Facility, die Thomas, Chantal und Sami mit den Sun People besucht hatten: 2000 Sonnenreflektoren richteten sich automatisch nach dem Lauf der Sonne wie ein Heer nach seinem Kommandeur. Sami war von ihrem Anblick so gebannt gewesen, daß er stundenlang im Schneidersitz ihre kaum merklichen Bewegungen mit unabgewendetem Blick verfolgt und sogar das Abendessen verpaßt hatte.
Von den Sonnenreflektoren schoß Thomas mehrere Fotoserien. Auf der erdig-stumpfen Fläche nahmen sie sich wie ein abstraktes Muster aus. Für Vater konnte das nichts sein, aber Thomas schickte ihm trotzdem ein paar mit Indian Summer Orange und Whaleteeth White kolorierte Bilder.
Manchmal hatte Thomas sich schon dabei ertappt zu denken: Papa, wenn du wüßtest, daß ich hier nicht einen Gecko, dafür aber bestimmt zehn verseuchte Seen, zwanzig Gefängnisse, fünfzig Müllkippen, hundert Autowracks und, last but not least: vier Tote gesehen habe. Zwei Tote – Mutter und Kind – bei einem Autounfall aus dem Wagen geschleudert, einer, der in einer Felsspalte im Brice Canyon klemmte und wohl verdurstet war, und dann der Typ, der sich in der Mojave aufgeknüpft hat. Wenn du wüßtest, wie veränderbar die Landschaft hier ist, gestern eine Ranch, morgen eine Hollywoodfilmkulisse, übermorgen eine Radaranlage und überübermorgen ein Schild mit dem Hinweis auf eine Military Training Area! Hier ist nichts heilig, schon gar nicht die nicht vorhandene „Ordnung“, hier wird alles angetastet – so lange, wie die Welt in deinen Terrarien schon unverändert ist, hat hier nichts Bestand. Und wie du dich immer bemüht hast, die Wasserfilter in den mit kleinen sprudelnden Bächen oder Tümpeln versehenen Terrarien zu verdecken, wie du jeden Schlauch und jede Klammer mit Steinen, Dickblattgewächsen und Sand versteckt hast. Und hier? Hier liegt alles offen unter der Sonne wie am Tag des Jüngsten Gerichts.
Die ungeschminkte Melancholie der Desert Sites hatte für Thomas von Anfang an etwas Erleichterndes gehabt. Eine andere Melancholie war das als die, die zu Hause im Schein der Tropenlampe auf Vaters andächtig geschlossenen Lidern erahnbar war, wenn er vor seinen Terrarien kauerte, als würde er meditieren oder gerade eine höhere Weihe empfangen. Er sah hingebungsvoll, aber auch alt und traurig dabei aus. Vater mit seiner Schwäche für malerische Sonnenuntergänge, für aufgerichtete Lurche vor lilafarbenem Himmel, für schillernde Libellen über smaragdgrünem Wasser, dessen Oberfläche sich in konzentrischen Kreisen kräuselte; Vater mit seiner Geo-Heft-Romantik. Die Melancholie … erahnbar im Rauschen des Duschwassers auf dem Körper seiner einsamen Mutter, den sein Vater bestimmt seit Jahren nicht mehr berührt hatte, erahnbar in der Mächtigkeit der Sahne auf den Kuchenstücken, die seine Mutter mit einem Stolz präsentierte, der Thomas zutiefst deprimiert hatte. Selbst Silvester, wenn seine Mutter mit Vater tanzen gehen wollte, saß er noch bis fünf vor zwölf auf seinem Cordkissen vor den Terrarien. Und dann dieses asthmatische Röcheln von Sylvia, wenn ein Gespräch eine unangenehme Wendung nahm, wenn Mutter leise angemerkt hatte, daß Vater wieder am Sonntag im Geschäft aufgeräumt hatte, statt mit ihr in die Kirche zu gehen. David, der so linkisch um Vater herumstrich, ihm abseitige Theaterrollen vorspielte und auf Beifall oder wenigstens Interesse hoffte. Noch als Zwanzigjähriger zog er seine One-Man-Shows ab – gespickt mit kleinen, provokanten Sätzen – und merkte gar nicht, wie sehr dies alles ihren Vater langweilte und peinlich berührte. Und Anna mit ihrer ewigen guten Laune und unerträglich munteren Art, die stets zu glauben schien, wenn man nur genug Vitamine und Gesprächstherapiestunden verabreicht bekäme, würde alles gut werden.
(…)
Natürlich wollte er seine Eltern eines Tages wiedersehen, aber er verschob den Zeitpunkt für eine Deutschlandreise immer wieder. Nie hatte er sich die Radikalität seines Handelns wirklich erklären können. Er wußte nur eines: Sein Elternhaus hatte wie ein Antimagnet auf ihn gewirkt, von ihm ging ein geradezu physisch spürbarer Impuls aus, der Thomas zu Abiturszeiten noch nachts auf die Straße trieb und ihn später mit Chantal, deren rüdes Verhalten er, der Musterschüler, bewunderte, das Land verlassen ließ. Er hatte seinen Vater nicht mehr ertragen können, nicht, wie er sprach, aß, seine Dinkelbrötchen auf den Schoß krümelte, gähnte, mit offenem Mund vor dem Waran-Terrarium einschlief, mit gewichtiger Miene in einem Geo-Heft etwas fett anstrich, den Finger anleckte, um die Seiten einer Zeitschrift umzublättern, die Art, wie er mit dem Spazierstock ausholte, wenn er über Bienen dozierte … Geblieben war die Erinnerung an ein Stilleben: viel zu dunkle Räume, rotes warmes Licht, das auf Tierkörper fiel, schwarze glänzende Ledersessel, ein blankpolierter Wohnzimmertisch, eine Obstschale, in der nie Obst lag, und ein abgewetztes Cordkissen.
Vielleicht waren es diese Erinnerungen, die ihn immer wieder, selbst hier in der Wüste mit einem Wohnwagen als Bleibe, weiter hinaustrieben.
Einmal war Thomas mit dem vagen Ziel aufgebrochen, sich die Umgebung des Großen Salzsees in Utah anzugucken. Das war in der Zeit, in der er viel gearbeitet hatte und wochenlang nichts anderes als Baupläne und Gefängnistoiletten zu Gesicht bekam.
Auf dem Weg von Twentynine Palms nach Norden erreichten sie nach gut zwölf Stunden Wendover, ein verschlafenes Nest an der Grenze zwischen Nevada und Utah, in dem sie übernachten wollten. Nachdem sie ihre Proviantbrote gegessen (Thomas ging nie in Fastfoodrestaurants, sondern machte sich immer noch Brote, wie seine Mutter sie ihm in Fürstenfeldbruck geschmiert hatte) und den schwankenden Landeanflug einer Privatmaschine beobachtet hatten, machte sich Thomas klar, daß hier in Wendover das gesamte Flugtraining für den Atombombenabwurf stattgefunden hatte. In einem kleinen Museum neben dem Flughafen konnte man eine vom Piloten der Enola Gay stolz signierte Attrappe von Little Boy in Augenschein nehmen. Muntere Rentner drängten sich erwartungsfroh an ihnen vorbei, aber Sami interessierte sich überhaupt nicht für Little Boy; er wollte sich nicht mit den aufgedrehten alten Leuten in ein Museum quetschen, und Thomas war froh, seinem Sohn nicht die Geschichte der Atombombenabwürfe erklären zu müssen.
Nachdem sie getankt hatten, stießen Thomas und Sami keine hundert Meter weiter auf einen Wohnwagen mit einem ungewöhnlichen Logo: Es stellte einen von einem Breiten- und Längengradnetz überzogenen Globus dar, um den herum der Schriftzug The Center for Land Use Interpretation zu lesen war. Als Thomas und Sami ausstiegen, kam ihnen ein sympathisch wirkender Mann entgegen. Er stellte sich als John aus Santa Monica vor und erklärte, daß er für das CLUI arbeite. Später kam Thomas darauf, daß dies die Abkürzung für Center for Land Use Interpretation sein mußte. Die Aufgabe des CLUI sei es, sich mit dem Backspace of America zu beschäftigen und diese Un-Orte, in Johns Worten Strange Sites, zu dokumentieren: Industriegebiete, Gefängnisse, Militäranlagen, Müllhalden, Land Art-Objekte, Windanlagen und so weiter. CLUI gab Broschüren, Reiseinformationsblätter und Fotobände heraus, verschickte Newsletter und besaß ein umfangreiches Archiv mit Materialien zu diesen „Un-Orten“.
Bald saßen Thomas und Sami auf dem kleinen Treppchen des Wohnwagens und tranken mit John eine Cola.
Er erzählte ihnen von einem Städtchen, in dem jeder Bewohner neben einer Garage auch einen kleinen Privat-Hangar („Rosamond Skypark – A Luxury Fly-in Community“) besaß, oder einem etwas in die Jahre gekommenen Saurier-Park mit einem Brontosaurus, der in seinem Bauch ein kleines Museum beherbergte. Diesen Hinweis kritzelte Sami sich sofort in seinem Memo-Block und setzte ein großes, dickes Ausrufungszeichen daneben. Ins Herz geschlossen hatte John auch die riesigen ausrangierten Film-Kulissen, die „die Industrie“, also Hollywood, einfach in die Wüste entsorgt hatte – unter anderem eine Pappmaché-Sphinx. Es gab sogar noch Exzentrischeres wie die Integratron Energy Machine mit einem elektromagnetischen Schwingungsgenerator zur Verjüngung, UFO-Beobachtungsgeräte (in deren Nähe in manchen Nächten junge Leute kampierten und CDs mit Walfischmusik in höchster Lautstärke hörten – mitten in der Wüste) oder das von Jacques-Andre Istel gegründete Städtchen Felicity mit dem Felicity – Center of the World-Tempel. Wie der selbsternannte Philosoph Istel auf einer Kugel, nämlich der Erde, ein Zentrum ausmachen konnte, hatte sich John zwar noch nicht erhellt, aber der Tempel strahlte fraglos die Ruhe und Heiterkeit der einzigen und wahren Mitte der Welt aus – auch wenn er auf verlorenem Posten in der Wüste stand.
In Wendover wiederum hatte CLUI einen Wohnwagen eingerichtet, um Künstlern aus aller Welt die Möglichkeit zu geben, in dieser bizarren Region eine Zeitlang kostenlos leben und arbeiten zu können. Eine junge Architektengruppe sei gerade dabei, eine Militärbaracke aus dem Zweiten Weltkrieg neu zu gestalten.
Als sie ihre Cola ausgetrunken hatten, gab John Thomas seine Visitenkarte: „Melde dich mal.“
Gutgelaunt stiegen sie wieder in den Jeep – nicht ohne von John noch einige Broschüren in die Hand gedrückt bekommen zu haben.
„Sami, was tun wir jetzt? Ein Motel zum Schlafen suchen oder noch einen Spaziergang machen?“
Sami wiegte den Kopf bedächtig hin und her. Dann sagte er, obwohl sie heute bereits zwölf Stunden im Auto gesessen hatten: „Am liebsten noch mal in die Wüste fahren, Papa. Und da tun wir dann nichts.“
Thomas fuhr seinem Sohn durch die Haare, dann nahm er einfach den nächsten Schotterweg. Eine Weile lang passierten sie noch Autohändler, Schrottplätze, Supermärkte und Industrieanlagen, doch bald umgab sie nichts als verstepptes Gelände, mal hügelig, mal flach. Aus einem diffusen Gefühl von Verlorenheit und Neugierde fuhr er weiter. Schließlich kamen sie in ein riesiges Tal, von dem Thomas später erfuhr, daß Geographen ihm den schlichten Namen Newfoundland Evaporation Basin – Verdunstungsbecken – gegeben hatten. Es war ein Gebiet in unbeständigem Zustand: mal See, mal Wüste.
Nachdem sie den Hügelkamm um das Tal schwitzend und erschöpft erstiegen hatten, sahen sie auf einmal einen Scheinwerfer mit sehr starkem Licht. Er wurde von einem Windgenerator und zwei großen Spiegeln, die Thomas erst beim Näherkommen als Solar-Module erkannte, flankiert. Zunächst hielt er das Ganze für eine militärische Anlage, aber da sie nicht bewacht zu sein schien, vermutete er, daß jemand in diese ferne, unbewohnte Region vorgedrungen war, der nichts Geringeres vorgehabt hatte, als ein mit Wind- und Solarenergie gespeistes, vollkommen autark funktionierendes Licht für niemanden und für alle in den Tag- und Nachthimmel zu schicken; das Nichts zu erleuchten und sich noch einmal sich selbst im Spiegel vorzuhalten. Die großen Spiegel, die den in Altrosa leuchtenden Hügelkamm und die aufgetürmten Cumulus-Wolken reflektierten, sahen aus wie phantastische Barockgemälde mit der Fähigkeit, ihr Sujet Wetterumschwüngen und Jahreszeiten anpassen zu können.
Das Glück, das Thomas beim Anblick dieser so seltsamen, strengen und schlichten Installation empfunden hatte, war etwas Neues für ihn, etwas gefühlsmäßig Neues. Ein Gefühl, am rechten Ort zu sein und nichts mehr zu wollen, nicht mehr woanders hinzumüssen, sondern einfach nur jetzt da zu sein. Ein umfassendes Gefühl von Glück, das er dort, wo er es am wenigsten erwartete, gefunden hatte: Erst kommt der Müll und dann das Nichts und dann noch einmal das Nichts und dann die Schönheit.
Es war nicht dieses pochende Glück, das er als Teenager empfunden hatte, als er den ersten Preis beim „Jugend forscht“-Wettbewerb in Empfang genommen hatte. Es war auch nicht die erschöpfte Zufriedenheit, die er verspürt hatte, als er sein Einser-Abitur-Zeugnis entgegennahm. Es war etwas anderes. Er war Teil von etwas Größerem, Teil von einem zeitlos-ewigen System geworden. Zumindest diesen Leitgedanken der Sun People hatte Thomas damals schon für sich empfunden, verinnerlicht.
Er hatte keinen Ehrgeiz mehr, seitdem er in die Wüste gekommen war. Vaters ewiges Aufbauen-Wollen und Mutters ewiges Horten war ihm hier vollends fremd geworden. Das Wissen darum, daß Kalifornien ein geotektonisches Krisengebiet war und viele Leute hier mit dem Bewußtsein lebten, daß all ihr Hab und Gut und auch ihr eigenes Leben jederzeit von einem Erdbeben bedroht war, tat ein übriges. Er erinnerte sich an einen Farbigen, der in L. A. zu ihm gesagt hatte: ”People live here in a theme park of possible dangers: orcans, floods, firebursts, earthquakes, robbery – well, what did I miss?”
Seit Thomas hier war und niemand mehr etwas von ihm wollte, seit er nichts weiter tun mußte, außer mit seinem wunderbaren Sohn an der Hand die absurdesten und traurigsten Orte Amerikas zu kartographieren, war in seinem Leben zum erstenmal so etwas wie Leichtigkeit. Hier war nur der Ausstoß von allem, der Abfall, das Hinterlassene. Die Abwesenheit von Leben hatte etwas unendlich Beruhigendes. Hier konnte man leben wie ein Maulwurf oder wie Gott.
(…)
Die Abenddämmerung war heute ein loderndes Blau-Rot. Breite Farbbänder flossen am Himmel ineinander wie auf einem Mark-Rothko-Gemälde. Thomas wischte Sand von dem kleinen ausklappbaren Tisch. Er wollte sich nicht aufregen, er mußte ruhig bleiben, etwas Sinnvolles tun. Im nächsten Moment krallte er seine Finger in den scheußlichen gelb-braunen Vorhang des Wohnwagenfensterchens und schluchzte. Sekundenlang schien der Boden unter seinen Füßen zu schwanken, ja, sogar der Wohnwagen wankte. Thomas öffnete die Tür gegen den Widerstand des Sturmes und setzte sich draußen auf die oberste Stufe der ausfahrbaren Treppe. Plötzlich schien es ihm vollkommen sinnlos, hier zu sein. Das Häßliche war ihm heilig gewesen, das Leere war nicht wirklich leer, sondern einfach ein Raum für ihn selber. Ausgefüllt mit seinen Gedanken und Träumen. Nie war die Wüste leer gewesen.
Chantal war fort, sein Vater lebte nicht mehr, das stille Zentrum, die Gravitationsfläche, von der er sich abgestoßen hatte, in deren Kraftfeld er sich aber noch, wenngleich an dessen äußerstem Ende, befunden hatte, schien auf einmal zu kollabieren. War er bislang ein ferner Satellit gewesen, eine Art Außenposten eines größeren Gefüges, hatte er jetzt das Gefühl, als sei dieses Zentralgestirn auf einmal verschwunden.
(…)
In der Ferne hob ein silbernes Flugzeug ab wie ein böser Traum. Übrig blieb ein punktförmiger Schmerz im Auge. Thomas zog die Vorhänge bis auf einen winzigen Schlitz zusammen. Von draußen hörte er den Sand an die Scheiben wehen. Zum erstenmal fühlte er sich in der Wüste nicht angenehm-traurig, sondern hundeseelenallein. Plötzlich wurde Thomas klar, daß er sich eigentlich gewünscht hatte, sein Vater würde einmal hierherkommen. Er hätte ihm gerne seine Pyramide, den Flugzeugfriedhof, die Joshua Trees, die knorrigen Sukkulenten hinter seinem Wagen und den weiten Blick, den er von dem kleinen Fenster über seinem Bett auf die roten Berge hatte, gezeigt … Es war ein absurder Wunsch, denn seine Eltern wußten nicht einmal genau, wo er lebte. Und doch hatte er darauf gehofft …
(…)
Thomas dachte jetzt wieder an diesen Scheinwerfer mit den beiden Spiegeln, die irgend jemand – ein Künstler, ein Verrückter, ein Ingenieur? – mitten in dem weiten, leeren, salzverkrusteten Tal in der Wüste Utahs aufgebaut hatte. Dieses weiße kalte Licht strahlte immer, es verbrauchte sich nie. Am Tag regenerierte es sich durch die Sonne, in der Nacht durch den Wind. Der Gedanke an dieses ferne Licht war das einzige, das ihm ein wenig Trost gab, wenn er an seinen Vater dachte.
Von dieser Installation hatte er Ya Long nichts erzählt, obwohl es zu den Grundregeln der Sun People gehörte, jede Entdeckung einer Power Site sofort mitzuteilen.
(…)