Taller than my wife

New Yorker Trödelmarkt-Odyssee

“New York”, CD, Geophon Verlag, Berlin 2004

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal bei dem unter Anhängern des Realismus hochgerühmten New Yorker Maler Philip Pearlstein in dessen Atelier-Wohnung saß. Überall standen, lagen und hingen Kunstwerke aus aller Welt. Hier eine asiatische Maske, da Tonfiguren aus Bali, hier mexikanische Teppiche, dort französische Vasen. Plötzlich entdeckte ich unter all den erlesenen, auf Pearlsteins zahlreichen Reisen zusammengetragenen Pretiosen ein kleines quietschgelbes Plastikmonster, das dem Betrachter die Zunge herausstreckt. Ich wollte gerade zu der Frage “Where did you get this from?” ansetzen, da bemerkte ich, daß zwischen den wertvollen Objekten bei genauem Hinsehen überall kleine Plastiksaurier, kitschige Figurinen und bunte Trash-Monster herumstanden, -saßen und -lungerten und dem Besucher das Gefühl vermittelten, in einer Art surreal-phantastischem Irrgarten gelandet zu sein.

“Where are all these … strange creatures from?”, fragte ich jetzt.

Philip, der kein Mann der langen Rede und der geflügelten Worte ist, wiegte bedächtig den Kopf und murmelte: “Tanja, our fleemarket, it’s incredible, half of my Bali-masks are from there, also!”

Am nächsten Tag stiefelte ich mit meinem riesigen Rucksack und zwei großen Umhängetaschen ausgerüstet die 6th Avenue hinunter, bis ich an der 26th Street schon das wilde Menschen- und Sprachendurcheinander sah und hörte. Als ich mich ins Gedränge mischen wollte, wurde mir 1 Dollar abgeknöpft. Mein erster Trödelmarktbesuch mit Eintrittspreis. Was für eine komische Sitte. Ich blickte mich um und überlegte, wo ich für Philip und seine Frau Dorothy ein Gastgeschenk erstehen könnte. Irgendein hübsches Monster, ein buntes Kuscheltier, einen schicken Saurier, wollte ich suchen.

Im nächsten Moment stand eine große, ausgemergelte Frau mit hüftlangen blonden Haaren und dick geschminkten Wulstlippen vor mir, die etwas von Brigitte Bardots älterer Schwester nach einer Abmagerungskur hatte.

“Here! Here!” Sie fuchtelte wild herum und zeigte mir psychedelisch bedruckte Hemden und T-Shirts. Auf einem waren Riesen-Fliegenpilze, auf einem anderen die Beatles mit ihrem Yellow Submarine und auf einem weiteren seltsamerweise fliegende Toastbrote. Leider bin ich für überflüssige Dinge sehr anfällig, also ein ideales Trödelmarkt-Opfer, und kaufte binnen zwei Minuten ein kobaltblaues Hemd mit Sternenhimmel-Motiven. Da gerade ein leichter Wind aufkam, zog ich es kurzerhand über. Ich war keine drei Schritte gegangen, da zerrte mich ein Mann mit großem spitzem Hut in ein funkelndes Zelt: Ich erwartete, ein, zwei schnelle Zaubertricks vorgeführt zu bekommen, um zum Kauf von Zaubertinte, unsichtbarem Blut und Klappmünzen verführt zu werden, doch der Mann – er wisperte mit tiefer Stimme: “My name is Dorian!” – nahm seinen Bart ab und musterte mich neugierig. “Seera!” rief er und schnippte mit den Fingern. Im nächsten Moment stand eine Frau mit langem rotem Haar neben mir, die sich als Hexe Seera vorstellte. Dann erfuhr ich, daß eine Zaubergehilfin sich gestern nacht in einem Club beim ekstatischen Tanzen den Fuß verstaucht hatte, und die beiden nun händeringend für ihre 16.00-Uhr-Show noch jemand halbwegs Schlankes, der in einen Holzkasten passen würde, zum Zerschneiden suchten. Mein schillerndes Sternenhimmel-Hemd, das natürlich perfekt gepaßt hätte, war ihnen sofort ins Auge gesprungen. Ich mußte die beiden, die mir immer wieder beteuerten, daß mir nichts passieren würde, jedoch schwer enttäuschen. Denn um 16.00 Uhr war ich mit Philip zu einem Galerierundgang verabredet. Immerhin konnte ich Dorian und Seera noch auf eine Frau aufmerksam machen, die eine pechschwarze Perücke zu einem hautengen schlangengrünen Kleid trug und sich sicher auch gut für den skurrilen Job eignen würde.

Ich lief weiter. Fünfziger-Jahre-Möbel, Art-Deco-Vasen und -schmuck fanden sich neben Hausrat, CD-Sammlungen und gerahmten Postern. Nun fiel mir ein Stand auf, der über und über mit bunten Klobrillen behängt war. Und schon wieder war es mein schillerndes Sternen-Hemd, das mich in eine seltsame Situation brachte. “Hello, you, you shiny star!” rief mir eine junge Frau im Jeansanzug zu. Ich trat näher und erfuhr, daß ich kurz mal als Test-Sitzerin für eine stark gepolsterte, orangene Schaumstoff-Klobrille agieren sollte. Ich setzte mich also, wie geheißen, und erhielt von den Umstehenden rasenden Beifall.
“Is it comfortable?” wurde ich gefragt.
“Oh, yes!” konnte ich wahrheitsgemäß antworten.

Am Ende meiner Trödelmarkt-Odyssee hatte ich viele eigenartige Menschen und entsprechende Situationen kennengelernt, doch noch immer kein hübsches Monster gefunden. Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, daß ich sofort gehen müßte, um mit Philip den Rundgang zu beginnen. Philip – der mit Andy Warhol zusammen studiert hatte und mit ihm von Pittsburg nach New York gezogen war.

Konnte das Zufall sein? Der letzte Stand vor der 24th Street – ich sah schon die endlosen gelben Taxi-Kolonnen – war über und über mit bunten Kuscheltieren vollgestopft. Auf dem Boden stand ein kindsgroßer Pinguin mit orangenen Füßen auf Plastik-Rollschuhen. Er zwinkerte hinüber und lächelte nur mich und niemand anderen an, da war ich mir sicher. Wie ein kleines Kind stolperte ich zum Verkäufer. Auf den letzten Metern bremste ich mich etwas, denn ich dachte: “Bloß nicht zu begeistert wirken, sonst knöpft er dir ein Vermögen ab.”

Sekundenschnell überlegte ich, was ich für den Riesenpinguin mit Rollschuhen bieten würde. Zwanzig Dollar, dachte ich mir. Und auf dreißig lasse ich mich hochhandeln. Ich zeigte auf meinen Liebling. “Twenty Bucks!” sagte ich bestimmt. Und nun kam eine Antwort, die mich bis heute überrascht und die mich den etwas unschönen Anfang mit dem Eintrittsgeld vergessen ließ.

“Ten Dollars!” war die Antwort. Sie kam schroff, als hätte ich den alten bärtigen Verkäufer, der aussah, als hätte er gestern mit Peter Fonda und Dennis Hopper in “Easy Rider” gespielt, tödlich beleidigt, indem ich ihm, dem Anti-Materialisten, zu viel schnödes Geld aufdrängen wollte.
“Ten?” fragte ich nach.
“Nine!” wurde ich böse angeherrscht.

Ich legte einen Zehndollarschein auf einen türkisen Frosch, da nirgendwo eine Ablage zu sehen war, und nahm meinen Riesen-Pinguin auf den Arm. Er war federleicht und rang dem wortkargen Philip Pearlstein später ein verzücktes “Gosh, he is taller than my wife!” ab.