Mein Lieblingsbuchladen in Berlin: Neues Kapitel

Donnerstag, 27. Juli 2017

” Mein Lieblingsbauchladen in Berlin: ‘Neues Kapitel’” (Kopenhagener Str. 7, 10437 Berlin)”, in: börsenblatt, Heft 29, Juli 2017

Während in anderen Stadtteilen eine Buchhandlung nach der anderen schließt, gibt es im Prenzlauer Berg immer wieder Neueröffnungen. Und die Läden halten sich.
Es wird zwar gern über „Neureiche“ hier geschimpft, aber – immerhin – die kaufen offenbar nicht nur Bionade, sondern auch Bücher. Und es gibt nach wie vor eine hohe „Schriftsteller-“ und „Intellektuellendichte“ in diesem Bezirk, die ebenfalls für Umsatz sorgt. Für Karin Müller-Fleischer gab es viele Gründe, vor gut vier Jahren den Mut zu besitzen, in der Kopenhagener Straße, einer ruhigen Seitenstraße der Schönhauser Allee, einen eigenen Buchladen zu eröffnen. Erfahrungen hatte sie in der Branche; acht Jahre hat sie in Friedenau in der Nicolaischen Buchhandlung gearbeitet.
„Neues Kapitel“ – so der ansprechende Name, bei dem man das Papierrascheln und Seitenwenden schon im Ohr zu haben meint – lädt mit alten Sesseln, Stühlen und einem Tischchen mit Wasserkaraffe zum Verweilen ein. Für die Innengestaltung des früheren Copyshops engagierte Müller-Fleischer die befreundeten Kulissenbauer Markus Schröder und Tino Rothert. Nun herrschen helle und dunkle Holztöne vor, die Wandverkleidung aus bauzaunartigen Holzlatten vermittelt, um ein Begriffsparadoxon zu benutzen, eine „coole Wärme“. Wer den Copyshop noch von früher kennt, weiß was hier geleistet wurde, um die Atmosphäre zu verändern.
Vor allem überzeugt ein bedacht ausgewähltes Sortiment an belletristischen Titeln, Büchern zu Politik, Soziologie und Zeitgeschichte, Stadtentwicklung, Kinder- und Jugendbüchern, Reiseführern, Kochbüchern, englischsprachiger Literatur und vielem mehr. Aber von Beliebigkeit kann keine Rede sein. Thriller muss man lange suchen. Dafür liegen Caroline Emckes „Gegen den Hass“ und Volker Weiß’ „Die Autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ gleich eingangs zur Lektüre aus.
In den vier Jahren nach der Gründung hat der Laden ein veritables Stammpublikum aufbauen können. Er ist eine feste Instanz im „nordischen Viertel“– so nennt sich die Gegend zwischen Kopenhagener und Bornholmer Straße – und im bunten Gleimviertel, vielleicht auch wegen Müller-Fleischers Engagement in der Nachbarschaft: Die Buchhändlerin kooperiert eng mit der in der gleichen Straße gelegenen „Grundschule am Falkplatz“, Berlins größer Grundschule (ca 750 Kinder). Regelmäßig kommen Schulklassen zu Lesungen und Workshops, Schüler gestalten auch schon mal das Schaufenster. Auch Kinderbuchautoren und Illustratoren werden eingebunden. Müller-Fleischer scheut nicht den Aufwand, mit einer Gruppe von Kleinkindern zwischen ihren Bücherregalen Kastanienmonster zu basteln und Steine zu bemalen. Gemeinsam mit Ulf Geyersbach, Möbeldesigner aus der Kopenhagener Straße, veranstaltet sie zudem Lesungen. Diese finden in der von Geyersbach als Showroom für seine recycelten Möbel genutzten „Raumerweiterungshalle“ (REH) statt. Die REH in der Kopenhagener Straße ist eine der wenigen noch erhaltenen Raumerweiterungshallen, die in der DDR als Verkaufsstellen, Lager und als Gaststätten genutzt wurden. Natürlich fungiert die REH nach Lesungen auch als Bar.

Anders als andere Buchhändler, die gern Reviere abstecken, betrachtet Karin Müller-Fleischer andere Läden nicht als Konkurrenz, sondern sieht einen Synergieeffekt für sich und die Kollegen: „Dank der Buchhandlungsdichte merken die Kunden, dass man auch vor Ort einkaufen und bestellen kann. Und nicht nur bei Amazon“, sagt die 43-Jährige, die in ihrer Freizeit Schlagzeugerin in einer Band ist und offenbar Teamgeist gewöhnt ist.

„Neues Kapitel“
Kopenhagener Str. 7, 10437 Berlin
Öffnungszeiten: Mo-Fr: 10-20 Uhr, Samstag: 10-18 Uhr
Telefon: 030 44043092

© Tanja Dückers, Berlin, im Mai 2017