Ain’t no mountain high enough. Zur Ausstellung “Black Mountain College” im Hamburger Bahnhof (Jungle World, August 2015)

veröffentlicht in Jungle World, August 2015

Im selben Jahr, in dem der braune Terror in Deutschland die Regierungsgeschäfte übernahm und sich das Bildungswesen oft in vorauseilendem Gehorsam seiner Vertreter schrittweise den NS-Vorgaben anpasste, wurde in den USA eine der progressivsten Schulen gegründet, die es je gab: das Black Mountain College.

Diesem besonderen College und seinen zum Teil weltberühmt gewordenen Lehrern und Schülern hat der Hamburger Bahnhof in Berlin nun eine Ausstellung gewidmet. Das ist eine positive Überraschung, denn dort hat man in den vergangenen Jahren viele effektheischende Ausstellungen gesehen, wie die Tierschau »Soma« von Carsten Höller, der Fliegenpilze verspeisende Elche ins Museum stellte. Nun zeigt der Hamburger Bahnhof eine kleine, feine Ausstellung über ein avantgardistisches Projekt.

Alles begann mit einem Rauswurf: Professor John Andrew Rice wurde im Herbst 1932 am Rollins College in Florida wegen Kritik am herrschenden Bildungssystem entlassen. Er hatte sich gegen stures Auswendiglernen gewandt und mehr Interdisziplinarität verlangt. So versuchte Rice, seinen Traum von einem idealen College auf Grundlage der reformpädago­gischen Ideen von John Dewey zu verwirklichen. Gemeinsam mit Kollegen und solidarischen Studenten gründete er das Black Mountain College nahe der Kleinstadt Black Mountain in North Carolina, einem der südlichen Atlantikstaaten. Ihm stand dazu nur eine Spendensumme von 14 500 Dollar zur Verfügung. Im Herbst 1933 begann der Unterricht in der selbstverwalteten Schule mit einem ganzheitlichen Lehr- und Lernkonzept. Dazu zählten auch landwirtschaftliche Arbeit zur Selbstversorgung und der Ausbau der Häuser. Anders als viele andere US-Colleges praktizierte das Black Mountain College Koedukation und stand auch Afroamerikanern offen. Avantgardistische Konzepte, die erst in den sechziger Jahren eine größere Resonanz erfuhren, wurden damals bereits im Mikrokosmos des College entwickelt und erprobt.

Das berühmte Künstlerehepaar Josef und Anni Albers gehörte zu den ersten Emigranten aus Europa, die am Black Mountain College unterrichteten. Es sollten noch viele weitere Persönlichkeiten folgen wie der Psychoanaly­tiker Fritz Moellenhoff, der Psychiater und Philosoph Erwin Straus, der Mathematiker Max Dehn, die Tänzerin Elsa Kahl und der Musikwissenschaftler Heinrich Jalowetz. Sie vermittelten den Studenten die Ideen der Moderne. Auch von den Studierenden kamen einige aus Emi­grantenfamilien, etwa die angehende Komponistin Ursula Mamlok oder die Tänzerin Viola Farber. Junge Künstlerinnen hatten es in dem aufgeschlossenen Umfeld des College offenbar leichter als in vielen anderen elitären Männerzirkeln.

Gerade die in der Ausstellungen gezeigten Arbeiten von weniger bekannten Künstlern lohnt es, zu entdecken  – die Arbeiten von Cy Twombly, Franz Kline, Robert Rauschenberg und Robert Motherwell kennt man vermutlich. Herausragende Arbeiten stammen von Ruth Asawa (»Receding Circles«) und Ray Johnson. Großartig sind die Fotografien von abstrusen Kostümen und Bühnenbildern, die der Schweizer Künstler Xanti Schawinsky für sein Stück »Danse Macabre« (Uraufführung 1938) entworfen hat. Der Leitgedanke der Schule, nicht nur das individuelle Talent zu fördern, sondern das interdisziplinäre Arbeiten und Experimentieren in der Gemeinschaft zu unterstützen, wird in der Ausstellung hinreichend deutlich. Die Spielregeln des heutigen Kunstbetriebs, der auf möglichst hohe Verkaufspreise einzelner Werke abzielt, besaßen in den Schwarzen Bergen von North Carolina offenbar keine Gültigkeit.

Wegweisend war John Cages Happenig »Untitled Event«: Verschiedene Künstler erhielten die Möglichkeit, auf der Bühne kurze Performances zu präsentieren. Durch die besondere Sitzordnung sahen die Zuschauer jeweils einen anderen Ausschnitt des Geschehens; jeder hatte eine eigene Perspektive auf die Darbietungen. Die Augenzeugenberichte des Events weichen stark voneinander ab. Das war ganz im Sinne von Cage, der die Ansicht vertrat, dass der Zuschauer selbst strukturierend tätig sein sollte. Ein anderes Beispiel für das am Black Mountain College gelehrte Arbeiten war das von Tänzern, Komponisten und Malern ­jeweils in unterschiedliche Medien umgesetzte abstrakte Gedicht »Glyphs« von Charles Olson.

Literatur spielte eine große Rolle am College: Charles Olson, der letzte Rektor des Black Mountain College, war ein bekannter Lyriker. Das Magazin Black Mountain Review entwickelte sich in den fünfziger Jahren zu dem wohl wichtigsten Blatt für avantgardistische Literatur in den USA.

Im Jahr 1941 konnte das Black Mountain College in neue, von seinen Architekturstudenten entworfene und von Studierenden und Lehrenden errichtete Gebäude – malerisch am Lake Eden gelegen – umziehen. Insbesondere die ab 1944 stattfindenden Sommerakademien waren berühmt für ihre interdisziplinären und multimedialen Experimente. Vom Geist des Black Mountain College fühlte sich nicht nur John Cage angezogen, auch der Tänzer Merce Cunningham, der 1937 in die USA emigrierte Architekt Walter Gropius, der Maler Willem de Kooning und der Wissenschaftsvisionär Richard Buckminster Fuller waren hier tätig.

Infolge des Kriegseintritts der USA halbierte sich das Spendenaufkommen des College. Die landwirtschaftliche Selbstversorgung wurde überlebenswichtig. Im Rahmen der allgemeinen Mobilmachung wurden auch Lehrer und Studenten des Black Mountain College eingezogen, in den Bulletins erschienen erste Meldungen über Gefallene. Es gab Überlegungen, den Betrieb einzustellen. In seinem 1943 erschienenen Essay »Liberal Education as a Tool of War« verteidigte Josef Albers das Fortbestehen des College. Man müsse auf eine umfassende Bildung setzen, um von Jugend an Demokratiefähigkeit zu trainieren, argumentierte der aus Bottrop stammende Maler und Kunsttheoretiker.

Schließlich bereiteten der Kalte Krieg und die McCarthy-Ära dem chronisch klammen College ein Ende: Durch das Gerücht, das College sei kommunistisch unterwandert, sanken das Spendenaufkommen und auch die Studentenzahl. Es wurde immer schwieriger, Unterstützer zu finden. Im Jahr 1957 musste Charles Ols0n das College schließen. Seine Idee eines neuen College mit Sitz in New York und vielen kleinen Außenstationen im Land ließ sich nicht verwirklichen. Die Lehrer und Studenten ließen sich in den Folgejahren mehrheitlich in den Zentren der Ost- und Westküste nieder. Einige von ihnen gründeten in den sechziger Jahren Künstlergruppen, die den Ideen der Schule verpflichtet waren.

Dem Hamburger Bahnhof ist es gelungen, die Geschichte des Black Mountain College lebendig zu machen. Für die kuratorische Mit­arbeit konnten auch ehemalige Studierende gewonnen werden. Jeden Tag werden Werke aus den Bereichen Musik, Komposition und Tanz aufgeführt. Das geschieht mitten im Publikum in den Räumen der Ausstellung, also ganz im Geist des College.

Man kann sich Interviews anhören, die mit ehemaligen Absolventen geführt wurden. Sie vermitteln einen Eindruck von der intellektuellen Reichweite der damaligen Ideen. Die gealterten Künstler und Künstlerinnen, nun alle um die 70 oder älter, scheinen mehrheitlich der Gegenkultur der Sechziger nahezustehen und repräsentieren das im medialen und öffentlichen Diskurs allmählich abhanden kommende Bild eines »anderen Amerika«.

Bedauerlicherweise hat der Hamburger Bahnhof der Ausstellung nicht mehr Raum gegeben. Sie wurde in einen Seitenflügel verbannt, während in der Haupthalle etwas vermeintlich Spektakuläres geboten wird: Dort versucht sich der Berliner Installationskünstler Michael Beutler mit viel Aufwand daran, auf die Architektur des Hamburger Bahnhofs Bezug zu nehmen. Er ist nicht der erste Künstler, dem diese unliebsame Aufgabe zuteil wurde, und er wird auch nicht der letzte sein, der daran scheitert. Im Vergleich zur kühnen Strenge der Haupthalle wirkte bisher jeder künstlerische Versuch, der sich auf das simple Prinzip der Mimese einlässt, wie eine schwache irdische Imitation von etwas Luftig-Transzendenten.

Interessant wäre es, das Phänomen Black Mountain College nach seiner Relevanz für die Gegenwart zu befragen: Welche Spuren hat die 1957 geschlossene Schule hinterlassen? Welche Einrichtungen, welche Künstler berufen sich noch darauf? Welche Ideen haben in der Kunstlehre und -vermittlung überdauert? Wie denkt man über John Deweys Bildungsideale und die anderer Reformpädagogen heute? Wie sieht der Vergleich zu Europa aus? Wie ist die Haltung dazu in Deutschland – nach den Skandalen an der ebenfalls reformpädagogischen orientierten Odenwaldschule? Ein »Museum für Gegenwart«, so die Selbstbezeichnung des Hamburger Bahnhofs, sollte sich diesen Fragen stellen.

Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933 – 1957. Hamburger Bahnhof, Berlin. Bis 27. September


© Tanja Dückers, August 2015